Lobbyisten

Botschafter für Berlin

Sie suchen die Nähe zu Regierung und Bundestagsabgeordneten und halten mit ihren Spesenrechnungen Restaurants wie das "Einstein" Unter den Linden und das "Borchardt" nahe dem Gendarmenmarkt am Leben.

Soweit das Klischee, das über Interessenvertreter - oft mit verächtlichem Unterton Lobbyisten genannt - kursiert. Zweierlei wird allerdings übersehen, wenn sich über die Frauen und Männer, die für Verbände und Unternehmen Kontakt zum Berliner Politikbetrieb suchen, mokiert wird: Die Institutionen, die sie vertreten, sollen ja gerade im Meinungsbildungsbetrieb der Demokratie gehört werden. Zweitens, und das ist für Berlin entscheidend: Für das Image und den weiteren Aufschwung des Wirtschaftsstandorts können sie eine große Rolle spielen.

"Lobbyismus - Die Bedeutung für die Berliner Wirtschaft" lautete das Thema der 35. Unternehmertafel. Eingeladen hatten die Personalberatung Kienbaum und die Berliner Morgenpost. Die Diskussion drehte sich vor allem um die Frage, ob die Vertreter der Verbände dabei helfen können, dass Berlin als Wirtschaftsstandort weiter vorankommt. Nahe liegend wäre es, schließlich sitzen nahezu alle wichtigen Verbände mittlerweile in räumlicher Nähe zur Bundesregierung.

Auch große Konzerne beschäftigen Lobbyisten in der Hauptstadt. Sie organisieren hier Zusammenkünfte, Vortragsabende und Empfänge. Sie machen die Hauptstadt mit ihren Vorzügen und Nachteilen bei ihren Mitgliedsunternehmen und Konzernzentralen bekannt. Und mittlerweile hat sich eines verfestigt: Der Name Berlin, so waren sich alle einig, wirkt da segensreich, um eine gute Gästeliste zu füllen. "Es gibt unglaublich viele Treffen hier. Das strahlt auch nach außen", sagte Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Torsten Bahke, Direktor des Deutschen Instituts für Normung (DIN) berichtete, dass sein Institut immer wieder Konferenzen in Frankfurt vorschlage. "Das ist für unsere Partner aus Übersee leichter zu erreichen." Doch Amerikaner und Asiaten hätten meist einen Wunsch: "Die wollen alle nach Berlin, weil die Stadt so attraktiv ist."

Mittlerweile nutzen das auch immer mehr Unternehmen. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, verwies darauf, dass die Deutsche Bank erst unlängst ihr globales Risikomanagement mit 700 Mitarbeitern in der Stadt angesiedelt habe. "Das hätte auch Shanghai oder London sein können." Allerdings, so Kemmer stelle sich die Frage: Würden solche Standortentscheidungen trotz oder wegen der Landespolitik getroffen.

Industriepolitik nicht im Fokus

Hans-Christian Maaß, Konzernrepräsentant von Volkswagen in der Hauptstadt und geborener Berliner, verwies auf die Fehler der Vergangenheit: "Lange war es den führenden Berliner Repräsentanten, egal welcher Partei, nicht zu vermitteln, dass Industriearbeitsplätze wichtig sind." Maaß hatte vor seiner Tätigkeit für VW unter anderem für den Zughersteller Adtranz (heute Bombardier) und die Daimlertochter Debis gearbeitet. Er wünschte sich vom neuen Senat ein aktiveres Standortmanagement. Immerhin kann sich die neue Landesregierung aus SPD und CDU einer gewissen Zuversicht vonseiten der Wirtschaft rühmen. Allerdings wurde in der Diskussion auch deutlich: Es muss einiges passieren, sonst sind die Vorschusslorbeeren schnell aufgebraucht.

Ein Problem aus Sicht der Runde ist die Berliner Verwaltung. "Berlin hat noch immer nicht die provinziellen Strukturen aus Zeiten der Teilung abgestreift", sagte Bahke. "Wir hören von Mitgliedsunternehmen, dass ihnen das ganz schön zu schaffen macht", sagte Gabriele Sons, Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmetall, dem Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie. "Es ist dringend notwendig, dass in den Behörden der Stadt etwas passiert."

Passieren sollte dann beispielsweise nicht, was Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, 2010 erlebt hat. Da ging es bei der Wirtschaftskonferenz im Roten Rathaus um das Thema Mobilität. "Die Themen Flughafen und Flugverkehr waren in dem Programm ursprünglich schlichtweg nicht vorgesehen - ich wollte es gar nicht glauben", sagte von Randow, der die Interessen von Airlines und Flughäfen in der Bundeshauptstadt vertritt.

Große Herausforderungen

Insgesamt aber sind die Standesvertreter durchaus optimistisch für die Zukunft der Hauptstadt. Birgit Fischer verwies auf die enormen Herausforderungen, die Berlin bereits meistern musste: "Ost- und West-Teil zusammenführen, Regierungsumzug, Hauptstadtfunktion - das alles musste Berlin bewältigen. Andere Städte standen nicht vor solchen Herausforderungen." Vielleicht tritt der Senat dann auch mal an die Vertreter wichtiger Branchen heran. Gesamtmetallerin Sons und Bankenmann Kemmer sind jeweils seit rund einem Jahr in ihren Ämtern tätig. Kontakt zu ihnen hat noch niemand vom Senat gesucht. Da müsse die Landesregierung umdenken, meinte VW-Mann Maaß. Schließlich könne sich die Stadt die Vertreter von Verbänden und Konzernen für ihre Interessen zunutze machen. "Kontakte herstellen - das können wir Lobbyisten schon."