Wirtschafts-Rangliste

Die Hauptstadt arbeitet sich nach vorn

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Die Bundeshauptstadt holt im Vergleich zu den anderen großen Wirtschaftsstandorten in Deutschland kräftig auf. Berlin liegt im Ranking der 50 größten deutschen Städte zwar noch auf Platz 47 doch bei der Dynamik ist die Metropole mit Rang neun in der Spitzengruppe. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und der "Wirtschaftswoche". Die Studie vergleicht Faktoren wie Bildungsgrad, Arbeitslosenquote, Kriminalität und Einkommen.

"Reicher und sexy"

Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, griff einen Spruch von Klaus Wowereit (SPD) auf. Der Regierende Bürgermeister hatte anlässlich der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages gesagt: "Berlin wird reicher, bleibt aber sexy." Dieses Motto wiederholte Pellengahr am Freitag - und würdigte damit die wirtschaftliche Aufholjagd Berlins.

So ist die Metropole bei der Arbeitsmarkt-Entwicklung bereits unter den ersten zehn. Der Anteil von Beschäftigten an der erwerbsfähigen Bevölkerung stieg um 5,3 Prozentpunkte; im Schnitt aller untersuchten Städte belief er sich auf 3,5 Punkte. Die Wirtschaftsleistung je Einwohner wuchs in Berlin von 2005 bis 2010 um 17,3 Prozent; im Mittel der 50 Städte betrug die Steigerung nur 10,5 Prozent. Und die Einkommen stiegen in Berlin um neun Prozent - auch das ein Wert über dem Städte-Durchschnitt von 7,4 Prozent. Beim Einkommensniveau erreicht Berlin allerdings noch immer nur Rang 42.

Maßgeblich für diese Entwicklung ist keineswegs nur die Hauptstadtfunktion, wie es in der Untersuchung heißt. In Berlin entstehen junge Wissens-Schmieden wie in Adlershof, stellen die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fest, die die Untersuchung zum achten Mal durchführten, fest. Die zunehmende Attraktivität Berlins zeige sich in den steigenden Gästeübernachtungen.

Doch es gebe auch wachsende soziale Probleme. So hat die Quote der ALG II-Empfänger in der Hauptstadt überdurchschnittlich stark zugenommen (Platz 40 im Ranking). Hoch ist mit einer Quote von 8,9 Prozent auch die Zahl der Schulabbrecher. "Es ist eine zentrale Herausforderung für den neuen rot-schwarzen Senat, einerseits Katalysator für ein noch schneller wachsendes neues Berlin zu sein und andererseits Milieus mit verfestigter Arbeitslosigkeit und vererbter Bildungsarmut mitzunehmen", betonte Pellengahr.

"Platz Neun im Dynamik-Ranking ist ein gutes Signal und bestätigt den Aufholprozess der letzten Jahre", sagte Berlins Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos). Die Politikerin verwies aber auf die schlechte Platzierung im Niveau-Ranking. "Sich hier nach vorn zu arbeiten, braucht einen langen Atem", sagte von Obernitz.

Auch die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) ordnet das Ergebnis nüchtern ein. Solche Rankings seien immer mit Vorsicht zu genießen, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. "Allerdings zeigt die gute Dynamik, dass Initiativen hier in der Stadt wirken." Berlin sei auf gutem Weg, dürfe jedoch in seinem Bemühen nicht nachlassen. "Wichtig ist: All die richtigen Sachen zum Thema Wirtschaft aus der Koalitionsvereinbarung von SPD und CDU müssen jetzt auch umgesetzt werden", mahnte Eder.

Ein großes Thema ist sicherlich die Wirtschaftsfreundlichkeit der Verwaltung. Im Ranking der INSM schnitt Berlin unterdurchschnittlich ab (Rang 38). Noch schlechter beurteilen die Unternehmen die öffentliche Sicherheit in Berlin - die Hauptstadt ist hier Schlusslicht.

Kassel auf Platz Eins

Die dynamischste Großstadt Deutschlands ist Kassel. Unter den 50 einwohnerstärksten Städten habe sich keine andere zwischen 2005 und 2010 bei Beschäftigung, Wirtschaft oder Wohlstand besser entwickelt als die vom Fahrzeug- und Maschinenbau geprägte Stadt, hat die IW-Analyse ergeben. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze hat in der nordhessischen Stadt in den vergangenen fünf Jahren um 14 Prozent zugelegt. Zugleich hat sich die Zahl der Hartz-IV-Empfänger nirgendwo so stark verringert.

Hinter Kassel folgen in der Wirtschaftsdynamik Leipzig, Erfurt und Oldenburg - in der niedersächsischen Stadt sind die Einkommen am stärksten gestiegen. Insgesamt zeigt die Analyse, dass sich die wichtigen ostdeutschen Wirtschaftsstandorte besser entwickeln als die meisten westdeutschen Städte. Vor allem an manchen ehemals wichtigen Standorten in Nordrhein-Westfalen sei der Strukturwandel nicht vorangekommen.