Gewerkschaften

Ver.di-Chef will 2012 deutliche Lohnerhöhungen

Nach Jahren der Zurückhaltung wollen die Gewerkschaften 2012 wieder kräftige Lohnsteigerungen aushandeln. "Nach zwei Jahren des Aufschwungs haben die Beschäftigten Anspruch auf eine ordentliche Erhöhung ihrer Löhne und Gehälter", sagte der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, Frank Bsirske, der Berliner Morgenpost.

Dies gelte für Branchen wie Post oder Telekom genauso wie für den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen. Auch die IG Metall ist selbstbewusst: "Die Beschäftigten sehen: Es brummt in vielen Unternehmen. Die Bilanzen, die im Frühjahr vorgelegt werden, werden das eindrucksvoll beweisen. Dieser Boom wäre ohne das Engagement der Beschäftigten nicht machbar gewesen, dafür erwarten sie auch einen angemessenen Anteil am Erfolg in Form dauerhafter Entgelterhöhungen", sagte Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg.

Anfang 2012 laufen die Tarifrunden für die 3,2 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie und für die 1,2 Millionen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst von Bund und Gemeinden. Ihre Abschlüsse werden Signale für die Gesamtwirtschaft setzen: Auch Branchen wie die Chemieindustrie, der Einzelhandel und die Banken werden im kommenden Jahr neu verhandeln. Ihr Erfolg wird allerdings auch davon abhängen, wie die wirtschaftliche Lage sich entwickelt. Trotz der Euro-Krise gehen Ökonomen zurzeit davon aus, dass die Arbeitnehmervertreter in einer guten Position sind. "Wir gehen im kommenden Jahr von tariflichen Lohnsteigerungen von 2,5 bis drei Prozent aus", sagt Carsten-Patrick Meier vom Forschungsinstitut Kiel Economics.

IG Metall ist vorsichtig

Bsirske jedenfalls zeigt sich kampfbereit für die Müllmänner, Krankenschwestern und Erzieherinnen, die er vertritt. Der Staat dürfe nicht nur Banken retten, sondern müsse vor allem etwas für höhere Einkommen der Beschäftigten und damit für die Ankurbelung der Binnenkonjunktur tun. "Verglichen mit Bereichen der Industrie sind die tariflichen Einkommen bei den öffentlich Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren weit weniger gestiegen", sagt Bsirske. Der Zuwachs im Öffentlichen Dienst habe um mehr als ein Drittel hinter dem der Metall- oder Chemieindustrie gelegen. Diese Lücke, müsse nun ein Stück weit geschlossen werden. "Und wenn es darauf ankommt, sind wir auch zu harten Maßnahmen zur Durchsetzung unserer Forderungen bereit."

Die IG Metall möchte sich noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Zu gut erinnert sie sich noch an den Herbst 2008, als sie eine Lohnforderung von acht Prozent ausgesprochen hatte - und direkt danach die Wirtschaft aufgrund der Finanzkrise einbrach. Entsprechend vorsichtig klingt Bezirksleiter Hofmann nun bei seinem wirtschaftlichen Ausblick. "Wir werden im Blick nach vorne aus heutiger Sicht von einer stabilen Lage ausgehen können. Den Blick nach hinten wie nach vorne werden wir berücksichtigen, wenn wir Ende Februar 2012 unsere Forderung aufstellen."