Versicherungen

Faules Spiel bei Kfz-Tarifen

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Hans-Werner Thieltges und Kathrin Gotthold

Auf Deutschlands Autofahrer übt der 30. November eine faszinierende Anziehungskraft aus. Jahr für Jahr wollen sich Hunderttausende bis dahin eine möglichst supergünstige neue Kfz-Police sichern. Denn wer den Termin verpasst, raunen die Werbestrategen der Versicherer und der immer stärker in den Vordergrund tretenden Vergleichsportale, kommt für das Jahr 2012 zu spät.

Doch das ist ein Irrtum - und teurer obendrein.

Tatsächlich versenden gerade in diesem Jahr viele Versicherungsgesellschaften ihre Rechnungen erst im Dezember. Oft steht nichts Erfreuliches darin. Immerhin hat der Bund der Versicherten je nach Tarif einen Preissprung von bis zu 30 Prozent ermittelt. Ursache hierfür sei jedoch nicht allein das nach Jahren des Beitragsdumpings wieder anziehende Prämienniveau. Vielmehr seien viele Kfz-Modelle wegen des Schadenverlaufs auch in ungünstigere Typklassen und Autofahrer wegen ihres Wohnortes in höher gefährdete Regionalklassen eingestuft worden.

Die meisten Verspätungen bei der Zusendung der Rechnungen dürften nach Ansicht von Marktbeobachtern durchaus gewollt sein. Denn viele Kunden lassen sich allzu sehr vom Stichtag 30. November, also dem letztmöglichen Termin für die ordentliche Kündigung zum kommenden Versicherungsjahr, blenden. Zähneknirschend akzeptieren sie die höhere Prämie. Thorsten Rudnik, Vorstand beim Bund der Versicherten, weist deswegen auf eine auch nach dem Stichtag geltende Sonderklausel im Gesetz hin: "Erhöht ein Kfz-Versicherer den Beitrag, ohne gleichzeitig Leistungen zu verbessern, können die Kunden von ihrem sofortigen außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch machen." Das heißt, also auch noch im Dezember.

Kritik an Vergleichsportalen

Bei den immer beliebteren Internet-Vergleichsportalen geht man aber offenbar nicht davon aus, dass dies vielen Kunden auffällt. Daniel Friedheim von Check24 sagt: "Wir rechnen nach dem 30. November nicht mit einem großen Ansturm auf unseren Service." Sein Unternehmen hat vergangenes Jahr rund 450 000 Kunden vermittelt und ist damit unangefochtener Marktführer bei den Portalen. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen den Ruf erarbeitet, das Nonplusultra bei der Suche nach der preiswertesten Kfz-Police zu sein. Die Tarife der Versicherer HUK-Coburg, WGV und HDI-Direkt suchen Kunden bei Check24 allerdings erfolglos. Grund: Die Anbieter zahlen dem Portal keine Provisionen für vermittelte Policen und sind dort daher nicht mehr mit Preisangaben vertreten. Stattdessen haben sich diese Gesellschaften beim Check24-Konkurrenten Aspect-Online eingekauft und versuchen nun, die neue Marke Transparo als Vergleichsplattform im Markt zu positionieren. Allerdings sind bei Transparo die Allianz mit ihrem Direktversicherer AllSecur sowie auch beispielsweise AachenMünchener und CosmosDirekt nicht vertreten. Verbraucherschützer raten daher, bei der Suche nach einem neuen Autoversicherer in mehreren Vergleichsportalen zugleich aktiv zu werden.

Die Portale Transparo und Check24 haben in Geld.de, FinanceScout24, FSS-online, Ino24 und TopTarif zusätzliche Konkurrenz. Dabei schwankt die Anzahl verglichener Versicherer und Tarife bei den jeweiligen Anbietern deutlich. Die Bandbreite reicht je nach Portal zwischen 20 und 70 Versicherungsgesellschaften sowie 100 und 250 bewerteten Tarifen, wie das Institut für Versicherungswissenschaften in Leipzig in einer Studie ermittelt hat. Da fällt der Durchblick schwer, zumal oft der Eindruck entsteht, dass bei einigen Vergleichsportalen ein Zusammenhang zwischen Provision und Auswertung besteht. Schließlich gilt die Kfz-Police Versicherern traditionell als Einfallstor für neue Kunden. Auch die Vergleichsportale selbst vermitteln oft nicht nur Kfz-Versicherungen, sondern auch andere Policen. Ein zufriedener Kunde wird weitere Auswertungen in Auftrag geben und bringt somit weiteres Geld ein.

Um diesen Verdacht bei Kunden wie Marktbeobachtern von vorneherein zu vermeiden, fordert Rudnik die Einführung einer Selbstverpflichtung für alle Portale: "Sie müssen sich deutlich zur Transparenz, Neutralität und Verbraucherorientierung erklären." Dazu gehöre auch, dass sie ohne Rücksicht auf Provisionsinteressen alle verfügbaren Tarife in ihren Vergleichen berücksichtigten. In Großbritannien gibt es eine solche Selbstverpflichtung über die Association of British Insurers bereits seit einigen Jahren.

Transparo verpflichtet sich, jeden Versicherer mit allen Beiträgen und Tarifen zu berücksichtigen - wenn die Gesellschaften ihre Daten zu Verfügung stellen. Allianz, AachenMünchener und auch CosmosDirekt haben offenbar kein großes Interesse daran, dem von der Konkurrenz betriebenen Online-Portal Einzelheiten und Änderungen ihrer Tarife noch brühwarm zur Verfügung zu stellen.

Den Vorschlag, einzelne Versicherer auch kostenlos beim Vergleich zu berücksichtigen, weist Friedheim von Check24 zurück: "Transparenz kostet Geld - nehmen wir einen kostenlos auf, kommt in wenigen Tagen der nächste." Die Kosten könne man sich entweder vom Kunden, vom Staat oder eben vom Anbieter holen. Letzteres mache Check24 - und biete Versicherern wie Kunden damit eine Dienstleistung. "Wir sind für Versicherer ein wichtiger und auch günstiger Vertriebskanal. Und Kunden bieten wir eine kostenlose Beratung zu allen Fragen rund um Kfz-Tarife."

Riesige Kostenunterscheide

Wie wichtig ein intensiver Preisvergleich ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung. "Autofahrer sollten unbedingt prüfen, ob sie nicht eine günstigere Kfz-Versicherung finden", fordert Professor Thomas Köhne von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR). "Die Chance, dass man ein besseres Angebot findet, sind relativ hoch", so der Leiter des Instituts für Versicherungswirtschaft. Viele Autofahrer könnten durch einen Vergleich schnell mehrere hundert Euro sparen. Das ist das Fazit einer umfassenden bundesweiten Analyse der aktuellen Preisunterschiede für neue Kfz-Policen. Bei den untersuchten Policen ermittelte die Studie Preisunterschiede, die im Extremfall bis zu rund 2600 Euro reichen. Was einem Preisunterschied von rund 440 Prozent entspricht. Bei der geringsten Spannbreite ergibt sich immer noch ein Preisunterschied von rund 670 Euro oder 130 Prozent. "Erhebliche Prämienunterschiede gibt es bei jedem der 200 untersuchten Musterfälle und für jeden der zehn Musterkunden", so Studienleiter Köhne.

Am größten sind die Preisunterschiede ausgerechnet in Berlin. Denn laut HWR-Studie liegen in der Hauptstadt im Durchschnitt satte 1672 Euro zwischen dem günstigsten und teuersten Angebot.