Heizsaison

Einmal volltanken, bitte!

Ganze 357 Milliarden Euro sind am Donnerstag neu geschaffen worden. Und dafür musste kein Mensch früher aufstehen, härter arbeiten oder irgendeinen Finger krumm machen. Die Milliarden wurden einfach so geschaffen - von Europas Notenbanken, um die Krisen des Kontinents zu bekämpfen.

Am Donnerstag haben die Währungshüter der Bank of England und der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigt, weitere Staatsanleihen beziehungsweise Pfandbriefe im Volumen von insgesamt 357 Milliarden Euro zu erwerben.

Eine solche Geldschwemme ohne Gegenwert erzeugt Angst. Vor Inflation. Und sie führt reflexartig zur Suche nach echten Werten, die nicht wie das von den Notenbanken geschaffene Geld einfach so vermehrt werden können. Doch Gold ist mittlerweile vielen zu riskant, Immobilien zu kompliziert, Aktien zu volatil. Wer in diesen Tagen nach wahren Werten sucht, kommt an einer Sache nicht vorbei: Öl. Das schwarze Gold hat in den vergangenen Wochen kräftig an Wert eingebüßt. In dieser Woche kostete ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent erstmals seit Jahresanfang wieder weniger als 100 Dollar. Gleichzeitig purzelten auch die Heizölpreise. Mancherorts mussten Verbraucher weniger als 80 Cent für den Liter zahlen.

Nun beginnt aber offensichtlich ein Umdenken. Kurz vor dem Winter in der nördlichen Hemisphäre sind die Lagerbestände bei Roh- und Heizöl überraschend niedrig. Vor lauter Rezessionsangst haben die Akteure an den Finanz- und Rohstoffmärkten verdrängt, dass die Vorräte Woche für Woche geschrumpft sind. Es handelt sich um die längste Phase abnehmender Bestände seit der Finanzkrise 2008. Mittlerweile sind die Lager so leer wie seit neun Jahren nicht mehr. Selbst wenn die Weltwirtschaft ins Stocken gerät und damit die Ölnachfrage sinkt, kann der Preis damit nicht mehr viel weiter fallen. Also lautet die Maxime für Millionen Eigenheimbesitzer: jetzt investieren, sprich volltanken. "Konsumenten sollten die derzeitige Preisschwäche beim Öl nutzen, um sich einzudecken", sagt der renommierte Goldman-Sachs-Analyst Jeffrey Currie. Seinen Prognosen zufolge wird der Ölpreis bereits in drei Monaten zehn Prozent höher als heute stehen. Auf Sicht von sechs Monaten rechnet Currie sogar mit einem weiteren Anziehen der Ölnotierungen auf dann 120 Dollar pro Fass.

Doch das ist noch nicht die ganze Geschichte. "An den Ölmärkten werden die Preise längst nicht mehr durch die Bedingungen der Realwirtschaft bestimmt. Zunehmend mischen Finanzinvestoren mit", sagt Klaus Bergmann, Geschäftsführer vom Heizöldienstleister Esyoil. Bereits in den vergangenen Jahren hätten Hedgefonds, Pensionskassen oder andere Investoren die Rohstoffmärkte durcheinandergewirbelt. Zum Nachteil jener Verbraucher, die ihre vier Wände mit Öl beheizen. "Diese Verbraucher bekommen jedes Auf und Ab fast ungefiltert mit", sagt Energieexperte Bergmann. Anders als beim Benzin machen Steuern und sonstige Gebühren einen geringeren Anteil am Endverbraucherpreis aus. Müssen Autofahrer allein 65,5 Cent pro Liter Mineralölsteuer berappen, beträgt die vergleichbare Steuer bei Heizöl lediglich 6,14 Cent.

Die neuen Finanznachfrager haben auch die klassischen Saisonmuster zerstört. Früher konnten sich die Verbraucher darauf verlassen, im Sommer günstiger zu ordern als während der Heizperiode im Winter. "Diese Orientierung gibt es heute nicht mehr. Der Einkauf wird zum Vabanquespiel", sagt Bergmann. Heute müssten die Konsumenten stärker auf die Aktionen von Notenbanken und Politikern achten. Und die haben in dieser Woche klare Signale gesetzt. Die Märkte werden mit neuer Liquidität geflutet. Bergmann: "Das ist ein klares Signal für Verbraucher, jetzt den Heizöltank zu füllen."