Lebensversicherungen

Vorsicht vor den Tempomachern

Die ersten Schreiben von Lebensversicherern sind verschickt. Die Werbebotschaften in den Briefkästen potenzieller Kunden sind immer die gleichen: Noch schnell eine Lebensversicherung abschließen, bevor der garantierte Zins zum Jahreswechsel von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent sinkt.

"Wer noch in diesem Jahr eine private Renten- oder Lebensversicherung abschließt, sichert sich Steuervorteile und einen höheren Garantiezins", heißt es bei der Gothaer Lebensversicherung. Der Steuervorteil bezieht sich auf die zweite Änderung im Jahr 2012: Ab dann müssen die Kunden bis zu ihrem 62. Lebensjahr warten, um die Hälfte des ausgezahlten Kapitals steuerfrei einstreichen zu können. Für Verträge des Jahres 2011 gilt noch 60 Jahre als Altersgrenze.

"Wir erwarten bis zum Jahresende einen regen Schlussverkauf der Branche", sagt Hajo Köster vom Bund der Versicherten (BdV). Er geht von einer Reihe vermeintlicher Last-Minute-Angebote in den kommenden Wochen aus. "Der Standardsatz der Vertriebe wird sein 'Einmalig und nur noch jetzt'", sagt er. Dabei ist aus seiner Sicht die Zeit der klassischen Lebensversicherung längst vorbei. "Diese Produkte sind Relikte aus dem vergangenen Jahrhundert." Viel zu hoch seien die Kosten, viel zu gering die zu erwartende Rendite. Zumal die Zeiten, in denen jemand sicher sein konnte, dass er sein Leben lang eine Arbeit hat und Beiträge zahlen kann, vorbei seien, so Köster. Viele Verbraucher würden die lang laufenden Verträge deshalb nicht durchhalten.

Über viele Jahre spielte der einheitliche Garantiezins bei Lebensversicherungen für Verbraucher kaum eine Rolle. Denn die tatsächlich geleisteten Auszahlungen lagen um einiges darüber. Auch für dieses Jahr schreiben die Versicherer ihren Kunden durchschnittlich noch knapp 4,1 Prozent gut.

Angesichts der fortwährenden Niedrigzinsphase wird damit gerechnet, dass im kommenden Jahr eine Drei vor dem Komma steht. Damit sind die Renditen zwar noch weit von dem Garantiezins von 2,25 Prozent oder demnächst 1,75 Prozent für Neuverträge entfernt. Allerdings ist für die Versicherer der durchschnittliche Garantiezins in ihrem Bestand relevant: Der liegt im Branchendurchschnitt bei 3,4 Prozent. Denn wer in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre abschloss, kann immer noch auf vier Prozent bestehen. Wobei es auch hier eine kleine Einschränkung gibt: Der Garantiezins, wie hier die vier Prozent, bezieht sich immer auf den Sparanteil, also nach Abzug der Verwaltungskosten. Bei reinen Lebensversicherungen müssen auch immer noch die Prämien für den Todesfallschutz abgezogen werden.

Hohe Versprechen stehen auf der einen Seite. Doch ein Kapitalmarktumfeld, das ohne großes Risiko kaum noch ordentliche Renditen zulässt, steht auf der anderen. Die Durchschnittsrendite für einen Korb von Bundesanleihen unterschiedlicher Laufzeit liegt mit 1,7 Prozent derzeit sogar unter dem erst ab 2012 geltenden Garantiezins. "Wiederanlagen in festverzinsliche Wertpapiere erwirtschaften den Garantiezins bei nachhaltig geringer Kapitalmarktrendite nicht mehr", sagt Dieter Kipp von der Unternehmensberatung ZEB. Versicherer haben Schätzungen zufolge mehr als 80 Prozent der Kundengelder in festverzinslichen Wertpapieren. Je länger die Niedrigzinsphase anhält, desto stärker wird sich dies in den Renditen der Versicherer niederschlagen.