Medizin

Falsche Therapien kosten rund fünf Milliarden Euro

Die falsche Behandlung seelischer Leiden kostet das deutsche Gesundheitssystem mindestens fünf Milliarden Euro im Jahr. Das ergeben übereinstimmende Berechnungen renommierter Forscher, die die Berliner Morgenpost für eine breit angelegte Recherche zum Thema Psychotherapie befragte.

"Ich würde den Betrag eher noch höher ansetzen - zumindest, wenn man die Folgen auf die Arbeitsfähigkeit der Menschen mitrechnet", sagte der Bochumer Professor Jürgen Margraf.

Die Zahl seelischer Erkrankungen steigt in Deutschland von Jahr zu Jahr rasant. Studien zufolge geht es etwa jedem vierten Patienten nach einer Therapie nicht besser, jedem zehnten sogar schlechter. Ob ein Patient die richtige Therapie bekommt, hängt häufig von Zufällen ab. Experten sehen eines der großen Probleme darin, dass es keine wirksame Kontrolle gibt, die die Qualität der Behandlung überprüfbar machte. Ein Patient könne "nicht erkennen, wie gut ein Therapeut ist", sagte der Berner Psychotherapieforscher Franz Caspar Lau. "Die Therapeuten und Psychiater sind wissenschaftlich gut ausgebildet, aber sie sind manchmal auch resistent gegen neues Wissen", sagte Margraf. Therapeuten wählten mitunter Verfahren aus, "die im schlimmsten Fall sogar schädlich sind - zum Beispiel eine Langzeit-Psychoanalyse bei einem Patienten mit schwerer Depression".

Fachleute beklagen, dass zu viel Geld für die Behandlung leichter Erkrankungen oder unnötige Therapien ausgegeben wird. Der Freiburger Professor Mathias Berger sagte: "Viel Geld wird für lange Therapien verwendet, wo nach wissenschaftlichen Standards auch kürzere Behandlungen ausreichend wären", dieses Geld fehle "für die notwendige intensive Therapie von psychisch Erkrankten".

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