Ruhestand

"Treiber der Digitalisierung"

Manchmal fangen die schönsten und längsten Liebesbeziehungen etwas holprig an: Ende der 60er-Jahre war es, Rudolf Knepper studierte Maschinenbau an der Technischen Universität in Berlin - und schloss sich, "weil wer studierte in jener Zeit eben auch demonstrierte", eines Nachts den Demonstrationen gegen die Springer-Presse an.

Noch heute erinnert er sich gut daran, wie er neben dem Springer-Hochhaus stand und fasziniert die goldene Fassade hinaufblickte: 19 Stockwerke zählte der Demonstrant - und wollte doch zu gerne wissen, wie der historisch bedeutsame Blick von oben in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer aussah.

Der junge Mann musste sich nicht allzu lange gedulden: Bereits drei Jahre später fing der studierte Betriebswirt und Ingenieur bei der heutigen Axel Springer AG ("Bild", "Hörzu", Berliner Morgenpost) an und sollte seinem Arbeitgeber fast vier Jahrzehnte verbunden bleiben. In einer beispiellosen Karriere arbeitete sich Knepper bis zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden hinauf. "Als ich mich 1973 für Springer entschied, verlor ich zwar ein paar Freunde", ulkte der scheidende Vorstand für Technik, Logistik und Personal am Freitagmittag anlässlich seiner Verabschiedung in den Ruhestand. "Aber ich habe es nie bereut."

Mehr als 130 Gäste - darunter der Familienunternehmer Michael Otto, ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und zahlreiche prominente Medienvertreter wie Noch-Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski - waren nach Berlin gekommen, um die Leistungen des langjährigen Springer-Vorstands zu feiern - passend zu dessen Jugendträumen im Journalistenclub im 19. Stock des Verlags, mit einem spektakulären Blick auf das nunmehr vereinte Berlin. Der Aufsichtsratsvorsitzende von Axel Springer, Giuseppe Vita, ehrte den künftigen Pensionär als "Profitabilitätstreiber, Optimierer und Einsparexperten", der mit seiner gut gelaunten und optimistischen Art einen "großen Beitrag zur harmonischen Zusammenarbeit im Vorstand" geleistet habe. Vorstandschef Mathias Döpfner hob zudem seine Leistungen als Innovationsbeschleuniger hervor: Rudolf Knepper sei deutlich mehr als der "gute, alte, seriöse Printmann", als der er in der Branche oft bezeichnet werde: "Er hat den Fortschritt immer umarmt und war seit jeher ein Anwalt und Treiber der Digitalisierung."

Tatsächlich hatte der in Beckum geborene Manager, der einst in der Techniksparte des Unternehmens anheuerte, in seiner Zeit bei Europas größtem Zeitungshaus gleich zwei technische Revolutionen der Branche mitgestaltet: In den 70er- und 80er-Jahren war er bei der Umstellung von Blei- auf Fotosatz ganz vorne mit dabei und war federführend bei den Bemühungen, moderne Redaktionssysteme samt der Übertragung der zu druckenden Zeitungsseiten via Satellit im Hause Springer zu verankern. In den vergangenen Jahren zeichnete er dann mit dafür verantwortlich, all diese Errungenschaften fit zu machen für die Digitalisierung. "Bei Springer zu sein ist etwas Besonderes", sagte Knepper im Rückblick und dankte auch der Mehrheitsaktionärin Friede Springer: "Sie haben durch Ihre Weichenstellungen Ihren Verlag zukunftstauglich gemacht."

Eigentlich sei der Abschied Kneppers kein Grund zum Feiern, sagte Aufsichtsratschef Vita und mühte sich dennoch nach Kräften, dem Scheidenden gute Laune zu machen: "Seien Sie nicht traurig, in den Ruhestand zu gehen", sagte der 76-Jährige. "Ich weiß aus eigener Erfahrung: Es gibt ein Leben danach."

Dafür hat Knepper bereits selbst die Weichen gestellt: Wenn zu Beginn des Jahres 2012 Jan Bayer und Ralph Büchi in den Springer-Vorstand einziehen und er endgültig sein Mandat ruhen lässt, wird der 66-Jährige ein Beratungsunternehmen gründen. Und sollte es doch einmal langweilig werden, ist zumindest zu Beginn für Zerstreuung gesorgt: Seine Vorstandskollegen schenkten dem Liebhaber schneller Autos zum Abschied ein Wochenende auf der Ferrari-Teststrecke - zusammen mit seiner Frau.