Fachkräfte

Fernweh nach Deutschland

Im April dieses Jahres hat Alfredo Massicci sein Heimatland verlassen. Der junge Italiener hat sich nach Deutschland aufgemacht und ist letztlich in Berlin-Prenzlauer Berg gelandet. Ob es hier überhaupt genug Arbeit gibt, darüber hat er sich gar keine Gedanken gemacht. In Deutschland, so viel stand für den jungen Mann aus Rom fest, ist die Lage in jedem Fall besser als in seiner Heimat.

"Ich wollte einfach nur noch weg aus Italien, weg aus Rom, weg aus dem Dauer-Chaos", sagt der 22-Jährige. Eine Aussicht auf einen Job hat er noch nicht. Egal. Die Hoffnung und die Freude, in Deutschland zu sein, wiegen alle Sorgen auf. Alfredo ist gelernter Koch, spezialisiert auf Süßspeisen. Zuletzt arbeitete er als Konditor in einem Hotel, bis ihm gekündigt wurde.

Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, kam Alfredo nach Berlin. Nun besucht er täglich vier Stunden eine Sprachschule. "Wie heißt du? Woher kommst du?", recht viel mehr geht noch nicht. Die Kosten für den Kurs übernimmt die Europäische Union. Die Miete zahlt Alfredo von der italienischen Arbeitslosenversicherung, die er bis Ende des Jahres erhält. Dann muss ein Job her. "Als Koch kann ich überall arbeiten", sagt er aber gelassen. Sonst putze er halt zur Not.

Alle Europäer wissen es längst, meint auch Alicia Josephine Woodnutt, Tochter einer Spanierin und eines Briten. "Deutschland ist das Land, um Arbeit zu finden." Die 27-Jährige hat dieser Tage einen neuen ständigen Begleiter: Ihr deutsches Grammatikbuch trägt sie stets in ihrer Umhängetasche. In Hamburg besucht sie derzeit einen Integrationskurs. Obwohl sie an der renommierten Oxford-Universität Tourismus studierte, hat sie sich in Spanien erfolglos auf die unterschiedlichsten Jobs beworben. Vor drei Monaten kam sie deshalb nach Hamburg, um hier ihr Glück zu versuchen. Am liebsten wäre ihr ein Job im Im- und Export-Bereich, und den glaubt sie in der Hafenmetropole an der Elbe sehr viel leichter zu finden als in ihrer Heimat. "Immer mehr Leute aus meinem Freundeskreis zu Hause verlieren ihre Arbeit oder haben es sehr schwer, überhaupt einen Job zu finden", sagt die junge Spanierin. Diejenigen, die eine Arbeitsstelle haben, seien mit einem Universitätsabschluss häufig überqualifiziert und deshalb gleichzeitig deutlich unterbezahlt. "Viele haben lediglich auf drei oder sechs Monate befristete Verträge. Danach muss man wieder von null anfangen."

Die Jugend Europas lernt Deutsch

Mehr als 40 Prozent der jungen Spanier sind laut Europäischem Statistikamt (Eurostat) erwerbslos, der schlechteste Wert in ganz Europa. In Griechenland gehen 30 Prozent der griechischen Akademiker von der Universität direkt in die Arbeitslosigkeit. Eine Besserung ist nicht in Sicht. So wenden immer mehr junge spanische, italienische, griechische Akademiker ihren Blick ins europäische Ausland. Deutschland wirkt auf sie wie ein Magnet. Doch sie wissen auch: Für einen Job in Deutschland müssen sie die Sprache beherrschen. Die Goethe-Institute in Madrid, Barcelona, Rom, Athen und Dublin melden ein sprunghaft gestiegenes Interesse von jungen Menschen, Deutsch zu lernen. Spitzenreiter ist die Dependance in Barcelona mit einem Anstieg der Schülerzahlen um 70 Prozent.

Mehr als 700 000 Europäer suchen eine Stelle im Ausland - so viele haben jedenfalls ihre Bewerbungen im EU-Internetportal Eures. Spitzenreiter sind die Spanier mit knapp 160 000 Bewerbungen, gefolgt von den Italienern mit 91 000. Die Bundesagentur für Arbeit wirbt in den Krisenländern gezielt um qualifizierte Fachkräfte - Ingenieure aus Spanien und Italien, Ärzte aus Griechenland. In den kommenden Wochen sind weitere "Recruitment-Touren" der Zentralstelle für Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) mit deutschen Arbeitgebern nach Thessaloniki und Madrid geplant. Als Land mit dem größten Potenzial gilt Spanien. 14 000 Spanier können sich vorstellen, in Deutschland zu arbeiten, hat die spanische Arbeitsvermittlung ermittelt. Zu Jahresbeginn waren es gerade einmal ein paar Hundert. "Ein gewaltiger Sprung", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien, Walther von Plettenberg. In einem Jahr könnten noch ein paar Zehntausende hinzugekommen sein, schätzt er. "Deutschland rückt als Zielland wieder in das Interesse der Spanier, das gab es jahrelang nicht." Die Auslandshandelskammer in Madrid erreicht jede Woche "eine Reihe von Anfragen aus Spanien, aber auch aus Deutschland". Die deutschen Unternehmen suchen vor allem Ingenieure, Mechatroniker, aber auch Dreher und Schweißer. Im Landkreis Schwäbisch Hall/Hohenlohe im Südwesten Deutschlands gibt es Vollbeschäftigung, eine große Anzahl von mittelständischen Weltmarktführern - und insgesamt 4800 offene Stellen. Das bedeutet: Jeder, der nicht rechtzeitig in Deckung geht, wird eingestellt.

"Da liegt es natürlich nah, den Blick in die europäischen Nachbarländer zu richten", sagt Hermann-Josef Pelgrim, Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall. Pelgrim wandte sich an das Goethe-Institut, und es entstand eine Zusammenarbeit zwischen der baden-württembergischen Kleinstadt und der zweitgrößten spanischen Metropole. Das Goethe-Institut Barcelona bietet nun Sprachkurse speziell für Ingenieure an, die dort gleich das entsprechende Fachvokabular lernen und im Anschluss in Haller Unternehmen Betriebspraktika absolvieren oder bei einem Besuch die ansässigen Firmen und ihre Personalleiter kennenlernen.

Die Nachricht vom Fachkräftemangel in Deutschland hat sich in Spanien schnell verbreitet. In Zeitungen und im Fernsehen wird bereits an die 60er-Jahre erinnert, als "trabajadores invitados" schon einmal Spanien in Richtung Wirtschaftswunderland verließen. Auch der junge spanische Ingenieur Txomin Uncilla Cortaberria (30) träumt schon länger von einem Leben in Deutschland. 2006 lernte er das Land zum ersten Mal kennen, als er einen Freund in Hannover besuchte. "Mir gefiel die Sprache und die Mentalität der Deutschen auf Anhieb", erinnert sich der gebürtige Baske. Er beschloss, Deutsch zu lernen, erst am Goethe-Institut in Madrid, später bei einer privaten Sprachschule. Seitdem bereist er Deutschland regelmäßig. "Ein tolles Land mit viel Lebensqualität", schwärmt Txomin.

Die Kanzlerin als Motivationshilfe

Der Baske aus Bilbao ist Industrieingenieur, Fachgebiet Aeronautik, und arbeitet seit fünf Jahren bei der spanischen Alestis Aerospace, einem Zulieferer für Luftfahrtunternehmen. Die Bezahlung ist mäßig, doch sie alleine ist nicht der Grund, warum Txomin nach Deutschland will. "Ich will mich weiterentwickeln, in einem Land leben, in dem sich etwas nach vorne bewegt", sagt er. Seine Heimat könne ihm keine rechte Zukunft bieten. Mehrere Jahre träumte Txomin lediglich von einem Leben in Deutschland. Dann, im Februar 2011 kam Bundeskanzlerin Angela Merkel auf eine Stippvisite nach Madrid. Sie kündigte an, man werde spanische Fachkräfte anwerben, um dem Mangel im eigenen Land zu begegnen. "Die Worte der Kanzlerin rüttelten mich richtig auf", sagt Txomin, "ich beschloss, zur Tat zu schreiten, und Lebensläufe zu versenden."

Diese Bewunderung für die Kanzlerin dürfte so manchen Bundesbürger in Staunen versetzen. Genauso wie die Worte des jungen Italieners und Neu-Berliners Alfredo. Jeder in Italien wisse, dass die Deutschen offener seien als die Italiener, sagt er vollkommen überzeugt. "Wenn die Menschen in Berlin morgens zur Arbeit gehen, wirken sie freundlich und nehmen aufeinander Rücksicht." In Rom lächle niemand. Die Berichte aus seinem neuen Leben, die Alfredo in die Heimat sendet, haben mittlerweile Wirkung gezeigt: "In ein paar Wochen ziehen zwei gute Freunde ebenfalls nach Berlin."

"Ich wollte einfach nur noch weg aus Italien, weg aus Rom, weg aus dem Dauer-Chaos"

Alfredo Massicciist Koch und lebt seit sieben Monaten in Berlin