Konsum

Shoppen, bis die Krise kommt

Es gibt in diesen Zeiten doch noch einen Hoffnungsschimmer. Ausgerechnet der bislang immer als zu zurückhaltend gescholtene deutsche Verbraucher hält derzeit unbeirrt die Fahne der Optimisten hoch. Denn es ist nicht nur so, dass die Schuldenkrise an den Konsumenten abprallt. Das Hickhack um Europas Zukunft macht ihn sogar wieder spendabler

. Er will sein Geld lieber in Immobilien oder langlebige Güter investieren, als es auf dem Finanzmarkt gegen niedrige Zinsen anzulegen, wie am Dienstag aus der GfK-Umfrage unter 2000 Menschen hervorgeht. Die Verbraucher seien durch die ungelöste Schuldenkrise zwar verunsichert und befürchteten eine Konjunkturflaute. Zugleich schätzten sie ihre Finanzlage jedoch besser ein und wollten ihr Geld wieder mehr für Großeinkäufe ausgeben. Das GfK-Konsumklima für November stieg deshalb überraschend um 0,1 auf 5,3 Punkte und kletterte damit erstmals seit März wieder. "Deutschlands Konsumklima zeigt sich trotz der enormen Unsicherheiten robust", sagt GfK-Chef Klaus Wübbenhorst.

Jobboom beflügelt Hauptstädter

Die Berliner machen da keine Ausnahme: "Auch in unserer Region beobachten wir ein ungebrochenes und stabiles Konsumentenverhalten", erklärt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. "Die Verbraucher scheinen mit Blick auf die politischen Unwägbarkeiten geradezu abgehärtet." Als entscheidende Motivation für die anhaltende Kauflaune sieht Busch-Petersen die gute Jobsituation. "Die nach wie vor sinkende Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt spricht ganz klar dafür, dass die Kauflaune auch in den kommenden Monaten nicht abflacht."

Die GfK-Forscher stimmen ihm zu. "Eine gute Arbeitsmarktlage sowie spürbare Einkommenszuwächse der Beschäftigten sorgen derzeit für ausgezeichnete Rahmenbedingungen", erklären die Nürnberger Experten. Ihr Indikator für die Einkommenserwartung legte um 1,4 auf 36,5 Punkte zu. Die Bundesregierung erwartet, dass die verfügbaren Einkommen in diesem Jahr um 3,2 Prozent anziehen und im nächsten Jahr um 2,9 Prozent klettern. Unicredit-Analyst Alexander Koch geht zudem davon aus, dass die Inflation mit derzeit 2,6 Prozent ihren Höhepunkt erreicht hat. "Wenn sie im nächsten Jahr nachlässt, dürfte das die Kaufkraft stärken."

Das bedeutet: Während die Firmenchefs wegen der Schuldenkrise um ihre Geschäfte bangen, könnten die Verbraucher trotz wachsender Rezessionsängste die Wirtschaft mit ihren Ausgaben ankurbeln. Die Ökonomen prophezeien deshalb, dass das deutsche Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr beinahe ausschließlich von der Kauflaune der Bundesbürger getragen wird. "Mit dieser Entwicklung festigt die Binnenkonjunktur ihren Ruf als wichtige Säule der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland", erklärt GfK-Experte Rolf Bürkl. Dies sei umso wichtiger, als die Exporte in den nächsten Monaten zurückgehen dürften. "Die Diskussionen über die Stabilität der gemeinsamen Währung sowie der Banken haben das Vertrauen der Konsumenten in die Finanzmärkte erschüttert", erklärten die GfK-Marktforscher. "Folglich sind sie momentan weniger geneigt, Geld auf die hohe Kante zu legen, wie auch die stark rückläufige Sparneigung beweist." Vielmehr tendierten die Menschen dazu, ihr Geld in Werthaltiges zu stecken.

Politik bleibt ein Risiko

Grenzenlos ist das Vertrauen in den hiesigen Verbraucher allerdings nicht. "Wir haben zwar eine robuste Geschäftslage", sagt Bernhard Schodrowski von der IHK Berlin. "Allerdings weiß niemand, welche Folgen die europapolitischen Entscheidungen in den kommenden Wochen haben werden. Deshalb sind wir vorsichtig optimistisch." GfK-Experte Bürkl teilt diese Skepsis. "Es zeigt sich eine zunehmende Verunsicherung, vor allem aufgrund der Schuldenkrise und der Gipfel-Aktivitäten, die bislang noch nicht zu einem Ergebnis geführt haben." Viele Bürger hätten derzeit den Eindruck, dass die Entscheidungsträger nicht in der Lage seien, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und wirklich nachhaltig einen Plan oder Maßnahmenkatalog auf den Weg zu bringen, um diese Schuldenkrise zu bändigen und vor allem eine Ansteckungsgefahr für andere Länder zu verhindern.