Konjunktur

Die trügerische Hoffnung der Propheten

Die Stimmung im Raum ist frostig. Friedrich Eichiner, der Finanzvorstand von BMW, wollte über neue Modelle und Märkte sprechen. Aber die Gäste, die in die Münchner Konzernzentrale gekommen sind, malen lieber schwarz, spekulieren über Abschwung und eine heraufziehende Rezession. "Krise? Es gibt keine Krise", beenden die BMW-Leute schließlich leicht gereizt die Debatte.

"Man kann auch etwas herbeireden", warnt Eichiner. Das war vor einem Monat. Diese Woche hieß es bei dem Autobauer lakonisch: "An dieser Einschätzung hat sich nicht das Geringste geändert."

Die Mehrheit der Bundesbürger wird wohl zu demselben optimistischen Ergebnis kommen. Für die meisten Menschen in Deutschland ist die Krise noch weit weg - an den Finanzmärkten oder im fernen Griechenland. Im eigenen Alltag erleben viele Beschäftigte stattdessen, dass sie Überstunden und Sonderschichten fahren müssen; dass zahllose Firmen Rekordergebnisse erzielen und Fachkräfte immer knapper werden. Die Leute lesen, dass die Arbeitslosigkeit 2011 im Jahresdurchschnitt bei 7,2 Prozent liegt, dem geringsten Wert seit 1995. Dass eine Ikone wie Daimler 130 000 Mitarbeitern eine Jobgarantie für fünf Jahre gegeben hat.

Und Konjunkturexperten bestätigen den Eindruck. In ihrem Herbstgutachten, das die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute diese Woche der Bundesregierung vorgelegt haben, wird für 2012 immerhin noch ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent vorausgesagt.

Airlines rechnen mit Turbulenzen

Damit allerdings haben die Institute ihre Prognose deftig reduziert - und es stellt sich die Frage, ob selbst diese Vorhersage nicht viel zu optimistisch ist. Denn dass die Experten regelmäßig irren, haben sie in den vergangenen Jahren ausreichend bewiesen: In allen sieben "Gemeinschaftsdiagnosen" seit Anfang 2008 sind Kernaussagen zu finden, die sich im Nachhinein als komplett falsch erwiesen (siehe Grafik). Auch jetzt stellt sich die Frage, ob die Institute die Signale aus der Wirtschaft richtig deuten. Denn es gibt Branchen, die die Vorboten eines Abschwungs bereits deutlich zu spüren bekommen - wie die Luftfahrtgesellschaften, die Logistiker und die Lkw-Hersteller.

Die Airlines gehen schon jetzt davon aus, dass 2012 ein Jahr mit schweren Turbulenzen wird. Der Weltluftfahrtverband IATA rechnet damit, dass die Gewinne der Mitgliedsunternehmen im kommenden Jahr um nahezu ein Drittel auf 4,9 Milliarden Dollar fallen werden. Besonders hart wird es nach Ansicht von IATA-Generaldirektor Tony Tyler die europäischen Gesellschaften treffen. Selbst die sonst so robuste Lufthansa schwächelt bereits. Bis Juli lag die Kranichlinie voll im Plan, doch im August drehte sich der Trend dramatisch: Das Geschäft bei den Töchtern BMI und Germanwings lief schlecht, und die hohen Kerosinkosten drückten die Profitabilität, erklärte Lufthansa-Finanzvorstand Stephan Gemkow kürzlich auf einer Investorenkonferenz. Alarmiert analysierte der Konzernvorstand die Lage und gab am 21. September völlig unerwartet eine Gewinnwarnung heraus. Mitauslöser für die Gewinnwarnung war auch die Senkung der Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft durch Global Insight. Das US-Forschungsinstitut liefert die makroökonomischen Daten, mit denen die Lufthansa unter anderem ihr Geschäft plant, und hatte im September seine Prognose von 3,7 auf 3,4 Prozent gesenkt.

Alarmierend ist auch die Delle im Luftfrachtgeschäft. Die Lufthansa Cargo transportiert nach Tonnen gerechnet derzeit sieben Prozent der Weltluftfracht. Und die Erfahrung lehrt, dass sich eine Abschwächung der Weltkonjunktur früh im Geschäft der Frachtgesellschaften zeigt. In den vergangenen Wochen sei der Markt für die gesamte Branche schwieriger geworden, sagt Lufthansa-Cargo-Chef Karl Ulrich. Im September ist das Frachtaufkommen bei der Cargo um 4,1 Prozent zurückgegangen.

Produktion wird gedrosselt

Auch die Lkw-Spediteure spüren eine deutliche Zurückhaltung bei ihren Kunden. Nach hohen Zuwachsraten Anfang des Jahres stellt der Deutsche Speditions- und Logistikverband im dritten Quartal "eine erste Abschwächung" fest. Zwei Prozent Wachstum werden es 2012 noch sein, heißt es - mehr nicht. Wie pessimistisch die Spediteure inzwischen sind, zeigt vor allem die schwindende Bereitschaft, neue Lastwagen zu kaufen. Nach Aussage des europäischen Fahrzeugherstellerverbands ACEA hatte noch im August die Nachfrage zugelegt. Doch mit wachsenden Konjunktursorgen würden nun die ersten Kunden vor Neubestellungen zurückschrecken. Der schwedische Lkw-Hersteller Scania ließ bereits wissen, von November an die Produktion in seinen europäischen Fabriken um zehn bis 15 Prozent zu drosseln. Konkurrent MAN räumt ein, wegen einer leichten Abschwächung der Bestellungen seien bereits einzelne Schichten in europäischen Werken abgesagt worden. Und der Nutzfahrzeughersteller Iveco hat seine Produktion im Werk Ulm zurückgefahren. Grund sei die "angespannte Lage in Italien", sagte ein Sprecher. Iveco ist dort Marktführer im Nutzfahrzeuggeschäft.

Bislang sind all das Einzelfälle, aber Lkw-Hersteller und Spediteure sind erfahrungsgemäß Frühindikatoren für Konjunkturschwankungen. Sie waren auch vor gut drei Jahren die Ersten, die zu einem Zeitpunkt ins Trudeln gerieten, als Manager aus anderen Unternehmen und Branchen noch, so wie heute, davor warnten, eine Krise herbeizureden.