Was steckt hinter dem Amen-Projekt?

Das geheimnisvollste Start-up der Stadt

Wer die Web-Seite des Berliner Start-ups Amen ansteuert, sieht in großen blau-weißen Buchstaben auf schwarzem Grund nur einen einzigen Satz: "Der beste Ort der Welt, um eine Meinung zu haben. Amen." Darunter folgt ein winziger Hinweis auf Jobchancen, das war's. Kein Hinweis auf ein Produkt, keine Community, keine Facebook-Links, nicht mal ein Bild.

Selbst für ein Start-up der ersten Stunde, für eine Idee eines einzelnen Programmierers wäre das ein bisschen wenig. Für ein Unternehmen, das eine Zwei-Millionen-Euro-Risikokapitalspritze aus Hollywood eingestrichen hat, ist ein solcher Auftritt geradezu arrogant.

"Finanziert Ashton Kutcher ein neues Berliner Start-up?", lautete die Schlagzeile in den Boulevardmedien im Juli dieses Jahres. Die Frage beantworten einschlägige Branchenblogs klar mit "Stimmt". Doch wieso bekommt diese Firma zwei Millionen Euro von Ashton Kutcher? Das riecht nach Hype, nach den schlimmsten Zeiten der Dotcom-Blase im Jahr 2000, als Internetfirmen ohne ein Produkt wie Pilze aus dem Boden schossen, um nach geschickter Manipulation diverser Börsenmedien bei dummen Investoren abzusahnen. Ist es schon wieder so weit?

Amen hinterlässt keine Spuren

Zeit für einen Ausflug in die Gründerszene von Berlin, für einen Besuch bei Amen. Doch das ist gar nicht so einfach: Die Web-Seite nennt weder Telefonnummer noch Adresse, auch eine kurze Web-Suche ergibt nichts Greifbares. Erst eine Anfrage beim Registrar der Amen-Web-Seite nach dem Administrator bringt eine Adresse und die Telefonnummer von Florian Weber, einem der Amen-Gründer. "Klar, kommen Sie vorbei", sagt der und beschreibt den Weg zum Amen-"HQ" am Schiffbauerdamm. Zentraler geht es kaum: Von den topsanierten Altbauten an der Spree haben die Mieter einen Erste-Klasse-Ausblick auf den Bahnhof Friedrichstraße und die Museumsinsel, unten strömt das Berliner Leben vorbei. Ein bescheidener Start sähe anders aus - in Kreuzberg vielleicht oder Neukölln.

Die Amen-Gründer haben einen vollen Terminkalender, vor dem Besuch ist deshalb noch Zeit für einen Abstecher quer durch Berlins neue Mitte zum "Sankt Oberholz" am Rosenthaler Platz. Einst traditionelle Berliner Gaststätte, ist die Lokalität heute der Treffpunkt der neuen In-Generation aus den Start-ups, von denen viele drum herum ihre Büros haben. Apple-Laptops dominieren die Tische, viele Gäste beherrschen nur wenig Deutsch, dafür aber Englisch oder Spanisch und diverse Programmiersprachen, über die sie sich quer über die Tische austauschen. Seitdem selbst das englischsprachige IT-Szene-Magazin "Wired" das "Oberholz" als Dauerstammtisch der Web-Gründer empfohlen hat, erscheint es beinahe als Klischee seiner selbst.

Berlin gilt unter Risikokapitalgebern als kreativste Werkstadt Europas, manche Investoren stellen gar den Umzug an die Spree als Bedingung für eine Finanzierung. "Berlin ist aktuell definitiv die angesagteste Stadt für Gründungen in Europa. Die ursprünglichen Gründe dafür sind allerdings relativ banal", erklärt Alexander Hüsing, der mit seinem Branchendienst Deutsche Start-ups die Szene beobachtet. "In Berlin sind die Mieten, selbst für Traumlagen an der Spree, immer noch relativ bezahlbar. Deswegen können viele junge Kreative es sich leisten, hier zu wohnen, umgekehrt kommen die Start-ups mit kleineren Gehältern aus. Inzwischen kommt jedoch die Anziehungskraft, der Ruf als In-City hinzu, den die Stadt inzwischen weltweit hat. Programmierer, die Sie in Spanien, Australien oder den USA anheuern, können Sie nur schlecht nach Karlsruhe oder Mannheim locken."

Im topsanierten Altbau am Schiffbauerdamm öffnet Amen-Chef Felix Petersen die Tür. Etwa 200 Quadratmeter groß ist die Wohnung, die zuvor ein wohlhabender britischer Geschäftsmann bewohnte. Sein Snooker-Tisch steht immer noch in dem Raum, in dem die Amen-Mannschaft im Kreis programmiert. Im Flur wartet ein Fixie-Bike - eine besonders hippe Fahrradvariante ohne Gangschaltung und Freilaufnabe - auf den Feierabend, nebenan kocht eine Gastro-Maschine Caffè Latte. Alles im Amen-Büro schreit nach einem prototypischen Start-up, noch ist die Mannschaft so klein, dass sie die riesigen Räume kaum auszunutzen vermag.

Neben den drei Gründern Felix Petersen, Florian Weber und der US-Amerikanerin Caithlin Winner arbeiten noch ein dänischer und ein australischer Programmierer am Snooker-Tisch, im nächsten Monat sollen noch zwei Datenbankexperten hinzukommen. "Gleich vorab - die genaue Geschäftsidee muss bis zum Start am Montag geheim bleiben", macht Petersen zur Bedingung, dann gibt er doch ein wenig preis: Basierend auf dem Erfolg von sozialen Nachrichtendiensten, soll Amen der Ort im Netz werden, an dem Nutzer eine definitive Meinung, ohne großes Lavieren oder Herumreden, loswerden können. "Amen soll es erlauben, die komplette Umgebung, das ganze Leben in Top oder Flop zu teilen." Wie genau das funktioniert, will er noch nicht zeigen, nur dass Amen vor allem über die Smartphones der Amen-Nutzer laufen soll, verrät er.

Und das reicht, um zwei Millionen von Ashton Kutcher zu kassieren? "Nicht Kutcher selbst, sondern ein von ihm und dem Madonna-Manager Guy Oseary gegründeter Risikokapitalfonds hat investiert", erklärt Petersen. "Sicherlich war vor allem unsere Idee ein Grund für das Investment, doch fast mehr noch als die Idee zählt inzwischen das Team. Denn Ideen liegen in der Luft und lassen sich im Zweifelsfalle schnell zurechtdengeln - das Team aber muss über Monate gut zusammenarbeiten, benötigt Disziplin, Know-how und Durchhaltevermögen."

Gründer sind gestandene Manager

Das Team Petersen, Weber und Winner unterscheidet sich von den meisten Gründern vor allem durch seine Erfahrung: Petersen hat bereits 2008 sein Start-up Plazes erfolgreich an den Riesen Nokia verkauft, genau wie Winner ihr Projekt. Weber schließlich war beim Nachrichtendienst Twitter vom Start ab dabei. Alle drei sind über 30, Chef Petersen verkörpert mit autoritärem Schnäuzer und lässig verkratzter silberner Rolex am Arm eher den erfolgreichen Geschäftsmann denn den Junggründer. "Wir müssen nichts mehr beweisen, nicht mehr Unternehmer spielen, Nächte durcharbeiten und Pizza bestellen, darüber sind wir hinaus", gibt er sich selbstbewusst. "Wir müssen auch nicht extraviel Geld ausgeben und jemanden fürs Business Development einstellen, der dann rumläuft, verfrüht Marketing macht, Kooperationspartner anschleift und vom eigentlichen Projekt ablenkt." Stattdessen herrscht bei Amen Disziplin: Jeder muss seine Ziele für die Woche montags ankündigen und seine Arbeit Freitagnachmittag vorstellen, das Projekt ist bis zum 12. September durchgetaktet. "Nur so verhindern wir, dass wir uns verzetteln, immer mehr Funktionen einbauen und letztlich den optimalen Startpunkt verpassen." Seit Monaten schon läuft die Amen-App auf den Telefonen von über hundert Bekannten, fast jeden Tag kommt ein Update hinzu. "Frühe Tests sind extrem wichtig. Wenn dir deine erste halböffentliche Version nicht peinlich ist, hast du was falsch gemacht", ist Programmierchef Weber überzeugt.

Ein schneller Ausstieg und Verkauf im Erfolgsfall ist nicht geplant. "Wir haben vor, diesmal länger dabeizubleiben", erklärt Petersen. Ob sich seine Zuversicht und das Vertrauen aus Hollywood auszahlen oder ob Amen lediglich die größte Luftblase des Social-Web-Hypes war, muss er ab Montag beweisen.

"Die genaue Geschäftsidee muss bis zum Start am Montag geheim bleiben"

Felix Petersen, Amen-Chef