Infrastruktur

Stau auf der Berliner Daten-Autobahn

Für Marisa Doppler könnte der Wohnzimmerteppich in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht Leben retten. "Der Teppich registriert, ob jemand hinfällt - und holt dann Hilfe", beschreibt die stellvertretende Leiterin des Verbindungsbüros der IBM Deutschland eine Vision, wie moderne Technik beispielsweise alleinstehenden Senioren helfen kann.

Gleichzeitig könnten Jugendliche zuhause Computerspiele in 3-D im Internet abrufen. Oder Wissenschaftler und Forscher in Firmen schnell miteinander kommunizieren. Nötig ist für all das ein modernes Glasfasernetz, durch das große Datenmengen geleitet werden können. Der Schritt in die moderne Kommunikation des 21. Jahrhunderts bietet für Berlin große Chancen - vor allem auch für den Arbeitsmarkt. Aber es gibt Probleme beim Aufbau dieses Netzes. Das wurde auf einer Expertenrunde deutlich, zu der die Berliner Morgenpost und die Unternehmensberatung McKinsey in das Axel-Springer-Haus geladen hatten.

128 Internet-Start-ups in der Stadt

"Berlin kann ein führender Standort für Informations- und Kommunikationstechnik werden", sagte Katrin Suder, Leiterin des Berliner Büros von McKinsey. Nach einer Studie der Unternehmensberatung arbeiten in Berlin bereits jetzt mehr als 26 000 Menschen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Laut Industrie- und Handelskammer gab es allein im Jahr 2009 128 reine Internet-Start-ups in Berlin, also kleine Unternehmen, die sich jüngst gegründet hatten. Die Unternehmensberater von McKinsey sehen hier für Berlin ein großes Potenzial. "Der beschleunigte Ausbau einer hochmodernen IKT-Infrastruktur könnte die jährliche Bruttowertschöpfung des Berliner IKT-Sektors und die damit verbundenen Sekundäreffekte bis 2020 sogar verdoppeln - von derzeit vier auf circa acht Milliarden Euro", heißt es in der Studie, die die Wachstumsfelder der Berliner Wirtschaft untersucht hatte. Gegenüber dem heutigen Niveau würde das die Schaffung von 20 000 zusätzlichen, hochmodernen Arbeitsplätzen bedeuten.

"Berlin ist eine Medienstadt, sie hat ein tolles Umfeld", sagte Jochen Schwarz von Alcatel. "Aber die Stadt muss sagen, wo sie hin will. Es reicht nicht, zu sagen, Berlin habe kluge Leute, die hier schon wohnen." Schwarz forderte eine bessere Vernetzung und die Initiative des Senats.

Adlershof nur ein "gallisches Dorf"

Viele dieser klugen Forscher arbeiten in Adlershof. 860 Unternehmen gibt es mittlerweile dort. Tendenz steigend. Fünf bis sieben Prozent wächst Adlershof pro Jahr, wie Hardy Schmitz, Geschäftsführer der Wista Management GmbH, berichtete. Aber noch ist Adlershof wie ein "gallisches Dorf", so Schmitz. In Charlottenburg rund um den Ernst-Reuter-Platz könnte ein weiteres solches Zentrum entstehen, wo weltweite Spitzenforschung geboten werde. In Adlershof und am Campus Charlottenburg könnten die Ideen für die Informations- und Kommunikationstechnologie der Zukunft entstehen. Und es sind die Forscher der Berliner Universitäten und ihrer Einrichtungen, die in der Hauptstadt an diesen Zukunftstechnologien arbeiten. "Deren Zahl ist auf 300 gewachsen. Sie stammen von der TU sowie vom Fraunhoferinstitut und wollen alle hier in Berlin etwas auf die Beine stellen", berichtete Hans-Joachim Gallert, Direktor des Heinrich Hertz Instituts.

"Wie kann man es erreichen, dass aus der Spitzenforschung dann auch mehr Arbeitsplätze in Berlin entstehen", wollte Marius Schneider, stellvertretender Chefredakteur der Berliner Morgenpost wissen. "Aus den Dingen, die schon da sind, müssen wir mehr machen", sagte Björn Böhning (SPD), der in der Senatskanzlei das Grundsatz- und Planungsreferat leitet. Aus Unternehmen mit ein oder zwei Mitarbeitern müssten Firmen mit 20 oder mehr Angestellten werden. Ein Impuls könnte laut Böhning die Modernisierung der in Berlin vorhandenen Verwaltung geben. Mit Bundesministerien, Senats- und Bezirksverwaltungen und den vielen Nicht-Regierungsorganisationen, die ebenfalls häufig ihre Verwaltung in Berlin hätte, sei ein großer Markt für E-Government gegeben. "Die öffentliche Hand könnte einen neuen Markt für Anbieter modernen Informations- und Kommunikationstechniken ermöglichen", so Böhning. Thomas Heilmann, Unternehmer und stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Berlin, setzt dagegen auf privates Kapital. Es sei nicht entscheidend, dass die öffentliche Hand Geld investiere. "Die entscheidende Frage lautet doch: Wie bekommen wir privates Kapital in die deutsche Hauptstadt", so Heilmann. Er kritisierte die Art der Förderlandschaft für innovative Firmen. Denn wer staatliche Förderung wolle, der müsse Pläne vorlegen. "Doch an Drei-Jahres-Pläne können sich ein kleines, schnell am Markt agierendes Unternehmen nicht halten", sagte Heilmann. Umso wichtiger sei es, Venture Capital, also außerbörsliches Beteiligungskapital, nach Berlin zu holen. Dafür müsse es aber zentrale Ansprechpartner geben, einen Wirtschaftssenator oder einen Regierenden Bürgermeister, so Heilmann.

Aufwendiger Genehmigungsprozess

Neben der Entwicklung von neuen Technologien geht es aber auch darum, den Kunden von den neuen Möglichkeiten der Informations- und Technologiebranche zu überzeugen. "Die Netze müssen auch zum Kunden kommen", sagte Sascha Burucker von der Berliner Wohnungsbaugesellschaft GSW. Die Industrie- und Handelskammer stellte in ihrer diese Woche vorgestellten Analyse auch fest, dass es in bestimmten Ballungsräumen in Berlin, wie in Mitte, nur ein mangelhaftes Netz für die Datenströme gebe. Dabei stoßen die Anbieter des Glasfasernetzes auf Probleme. So wie die Telekom. Die wollte nördlich der Kantstraße einen Pilotversuch starten und einen zweistelligen Millionenbetrag investieren. 19 800 Wohnungen sollten einen Anschluss an das Glasfasernetz erhalten, das eine Übertragung großer Datenmengen in schneller Zeit ermöglicht - eben für 3-D-Spiele oder den elektronischen Teppich. "Doch um in die Häuser zu kommen, hätten wir die Genehmigung von allen 12 000 Eigentümer bekommen müssen", sagte Hartwig Timpe.

Die Anbieter von Hochgeschwindigkeitsnetzen stehen auch vor anderen Problemen. Denn das Vergraben der Kabel ist sehr teuer. Pro Kilometer können die Investitionskosten schnell 170 000 Euro und mehr ausmachen. Deshalb forderte Timpe eine elektronische Plattform, wo sämtliche Baustellen gemeldet werden. Wenn dann eine Straße aufgerissen wird, dann könnten sich auch die Glasfaser-Verleger dort mit anschließen. "In Baden-Württemberg ist es sogar Pflicht, Leerrohre mitzuverlegen", so Timpe. Ingrid Walther, Referatsleiterin in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, verwies darauf, dass es ein solches elektronisches Baustellenmanagement gebe. Sie hoffe, dass nun auch die privaten Investoren bereit seien, Berlins Glasfasernetz auszubauen.

Dirk Wössner, Verantwortlicher für die Kooperation von DTAG Telekom mit den Kommunen, verlangte dann auch eine Partnerschaft zwischen der öffentlichen Hand und privaten Anbietern, um Glasfaserprojekte anzuschieben. Berlin habe im Gegensatz zu ländlichen Regionen eine Struktur, die Investitionen profitabel machen könnte. Er warnte vor langfristigen Verträgen einzelner Wohnungsbaugesellschaften mit einzelnen Anbietern.

Die Telekom startete ihren Pilotversuch übrigens dann noch einmal. Nicht an der Kantstraße. Auch nicht in Berlin. Sondern in Hennigsdorf in Oberhavel am nördlichen Stadtrand. Dort gab es 500 Wohneinheiten, wo aber nur zwei Eigentümer von den Vorzügen des Glasfasernetzes überzeugt werden mussten.