Angst

Horrortage an der Börse

Früher spielten Gruselgeschichten in dunklen Wäldern oder finstren Verliesen, heute an der Börse. Was Anleger da erleben müssen, hat das Zeug, ihnen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Ein Kursmassaker folgt dam anderen.

Auf die Anlageklasse Aktie fällt ein schwarzer Schatten. Am Freitag sackten die Kurse an den internationalen Börsen weiter ab. Erst am Nachmittag konnte eine robuste Wall Street die Kurse stabilisieren. Besonders schwer traf es den Dax, der von allen europäischen Aktienindizes am stärksten unter die Räder kam. Zeitweise stand das deutsche Börsenbarometer 4,7 Prozent im Minus. In diesem Monat hat der Leitindex fast 20 Prozent verloren. Die größten deutschen Konzerne büßten ein Fünftel ihres Unternehmenswertes ein.

Auf dem Frankfurter Börsenparkett war von einem Käuferstreik die Rede. Sprich: Es fanden sich kaum Anleger, die bereit waren, für die Aktien irgendeinen vernünftigen Preis zu bieten. So rauschten selbst die Kurse deutscher Qualitätsaktien nahezu ungebremst in die Tiefe. Lufthansa, BASF, Daimler, BMW, Deutsche Bank, ThyssenKrupp, Adidas, Linde und Allianz verloren zwischen vier und fünf Prozent an Wert. Die gegenteilige Richtung zeigte Gold: Das Edelmetall, das von Investoren als Krisenwährung gesucht wird, verteuerte sich am Nachmittag auf 1878 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Das war ein neues Rekordhoch. Umgerechnet kostete die Unze erstmals mehr als 1300 Euro.

Ausgelöst wurde der Käuferstreik bei Aktien durch die Furcht, dass die US-Ökonomie, die größte Volkswirtschaft der Welt, nur zwei Jahre nach der Finanzkrise in eine neue Rezession taumelt. Eine Konjunkturschwäche zum jetzigen Zeitpunkt wäre besonders gefährlich: seit der Pleite der Investmentbank Lehman vor drei Jahren hat sich die Finanzsituation der Staaten dramatisch verschlechtert.

Angst vor der Rezession

Konnten sich die Regierungen in der letzten Rezession noch als Retter gerieren, so sind sich die Anleger heute bewusst, dass eine neuerliche Wirtschaftsflaute mit wegbrechenden Steuereinnahmen die Staaten selbst in Schwierigkeiten bringen könnte. Sowohl in Amerika als auch in Europa droht die Verschuldung außer Kontrolle zu geraten. Die USA ächzen unter einer Schuldenlast von mehr als 14 Billionen Dollar, was etwa dem Wert sämtlicher Güter und Dienste entspricht, die die US-Bürger im Jahr erwirtschaften. Auch die Länder Europas sind hoch verschuldet, Italien schiebt zum Beispiel einen Schuldenberg von 1,9 Billionen Euro vor sich her - mehr als 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. Eine weltweite konjunkturelle Abkühlung würde es der Regierung in Rom noch mehr erschweren, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Folglich ist die Börse in Mailand wie die anderer Schuldenländer besonders stark abgestürzt.

Doch auch deutsche Aktien gehören zu den großen Verlierern weltweit. Dem Dax brachte das Jahr 2011 bisher einen Verlust von rund 21 Prozent. Die vergangenen 19 Handelstage konnte der Dax nur dreimal mit einem Plus beenden. Damit befindet sich Deutschlands Börse in einem Bärenmarkt, der einsetzt, wenn der Markt um mehr als ein Fünftel unter sein vorheriges Hoch zurückfällt. Und hier wird die Gruselgeschichte besonders gruselig: Obwohl Deutschland nicht ganz so verschwenderisch gewirtschaftet hat wie andere Staaten (wenngleich alles andere als solide, wie die Verschuldungsquote von 80 Prozent beweist), ist der Dax einer der größten Verlierer weltweit.

Das hat mit zwei Faktoren zu tun: Zum einen gehen Investoren davon aus, dass Deutschland als Kernland der Eurozone am Ende ohnehin für die Schulden der Defizitsünder einspringen muss. Zum anderen reagiert die ausfuhrorientierte deutsche Wirtschaft besonders empfindlich auf die Verschlechterung der Weltkonjunktur. Nicht nur der horrend schlecht ausgefallene US-Frühindikator Philly Fed Index, auch Konjunkturdaten aus Europa und Asien deuten auf eine starke Abkühlung der Weltwirtschaft hin.

Risiko für die Exporte

Damit sind auch die Ertragsprognosen Makulatur, die Aktien der deutschen Firmen noch vor kurzem so günstig erscheinen ließen. Beim aktuellen Kursniveau liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax lediglich bei neun, für 2012 sogar bei sieben. Der langfristige Durchschnitt beträgt 15. Dass die Dax-Konzerne die für 2012 prognostizierten Gewinne wirklich erzielen können, glaubt indes kaum noch ein Anleger. Die Bundesrepublik erwirtschaftet rund die Hälfte ihrer Wertschöpfung durch den Export, die deutsche Ökonomie ist daher besonders konjunktursensibel. Folglich sind die Börsen weniger Ausfuhr orientierter Volkswirtschaften nicht ganz so stark unter die Räder gekommen.

Besonders hart trifft der Abwärtsstrudel an den Börsen die Banken. Vor einigen Wochen hatte es mit einzelnen Einschlägen in Italien und Frankreich begonnen, am Ende dieser Woche hat es nun den ganzen Sektor erwischt. Am Freitagvormittag brach der europäische Aktienindex Stoxx-Europe-600-Banks nach hohen Verlusten am Vortag erneut um mehr als drei Prozent ein, innerhalb einer Woche hat er über zehn Prozent verloren. Auch deutsche Institute wie Commerzbank und Deutsche Bank konnten sich vom Trend nicht lösen.

Droht nun eine neue Bankenkrise? Die Unsicherheit im Markt ist groß, denn es sind nicht nur die Aktienkurse, die den Banken zu schaffen machen. Die Zeichen mehren sich, dass die Banken auch bei der Refinanzierung Schwierigkeiten bekommen. Die Liquidität ist die sensibelste Stelle im Bankensystem. Können sich die Banken nicht mehr mit Geld versorgen, droht das ganze System zum Erliegen zu kommen. Genau das war nach der Pleite des US-Investmenthauses Lehman Brothers 2008 passiert.

Der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, macht sich bereits Sorgen um den Interbankenmarkt: Zwischen Donnerstag und Freitag lagerten die Banken 90,5 Milliarden Euro bei der EZB ein, anstatt es sich gegenseitig zu leihen. Derzeit werden Investoren von immer neuen Gerüchten verunsichert. Am Donnerstag hatte das "Wall Street Journal" berichtet, dass die US-Zentralbank Fed Ableger europäischer Geldinstitute unter die Lupe nehme, weil sie ein Überschwappen der Schuldenkrise auf die amerikanischen Finanzhäuser befürchte.