Verhandlungen zur Altersteilzeit

Der Post springen zu viele Briefträger ab

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Mitten in der Sommerpause verhandeln die Gewerkschaft Ver.di und die Deutsche Post einen richtungsweisenden Tarifvertrag zur Altersteilzeit. Wie die Berliner Morgenpost erfahren hat, fanden erste Verhandlungen bereits im Juli statt, insgesamt sind sieben Termine vereinbart.

Neben der Altersteilzeit wird auch über das sogenannte Schutzpaket bei der Post gesprochen: Es läuft zum Jahresende aus und regelt den Kündigungsschutz und Punkte wie die Fremdvergabe von Zustellaufgaben im Paket- und Briefversand.

Als Druckmittel nutzt die Gewerkschaft die Übernahme zusätzlicher Leistungen: So ist beispielsweise festgelegt, dass etwa die Briefträger bei hohem Briefaufkommen zehn Stunden in der Woche mehr arbeiten dürfen. Diese für den Konzern wichtige Regelung will Ver.di auslaufen lassen, sollte es bei der Altersteilzeit keine Einigung geben.

Die Post hat beim Personal ein großes Problem: Während die deutschen Arbeitnehmer immer später in Rente gehen, ist dieser Trend bei der Post umgekehrt. Nach Zahlen der Rentenversicherung ist das Rentenalter der Deutschen im vergangenen Jahr bei Männern auf 63,8 Jahre und bei Frauen auf 63,3 Jahre gestiegen. Bei der Post dagegen fängt die Rente deutlich früher an: Im Durchschnitt hören Beamte, die ein Drittel der rund 170 000 Mitarbeiter der Post stellen, mit 55 und Angestellte mit 61 Jahren auf. Sind sie im einfachen oder mittleren Dienst beschäftigt - also Briefträger - beginnt ihr Ruhestand sogar schon mit 50,8 Jahren.

Sollten Ver.di und die Post tatsächlich ein Abkommen erreichen, könnte es Modelcharakter für die gesamte Wirtschaft haben und ein in Verruf geratenes Modell wiederbeleben - ohne dass es auf Kosten der Steuerzahler ginge. "Altersteilzeit ist längst kein Instrument mehr, um ältere Beschäftigte von einem Tag auf den anderen aus den Betrieben zu drängen", sagte die Ver.di-Vize-Bundesvorsitzende Andrea Kocsis. Vielmehr könnten die Belastungen für die Kollegen am Ende des Berufslebens dadurch verringert werden: "Das gilt besonders für Briefträger."

Nach den Vorstellungen der Gewerkschaft sollen die Postmitarbeiter ihre letzten Berufsjahre künftig beispielsweise so verbringen: Drei Jahre in Vollzeit, dann eine ähnlich lange Zeit in die Teilzeit, schließlich bei gleichem Lohn noch einmal so lange zuhause bleiben - und erst dann in Rente gehen. Dafür will Ver.di Zeitwertkonten einführen: Postbeschäftigte sollen ab einem bestimmten Alter über mehrere Jahre hinweg einen Teil ihres Einkommens auf einem verzinsten Zeitwertkonto ansparen. In der späteren Freistellungsphase bis zum Erreichen der Altersgrenze fließt aus diesem Konto der Monatslohn. Daneben sollen Einkommenseinbußen in der Phase der Altersteilzeit über Zuschläge ausgeglichen werden.

Bislang wird ein Briefträger, der seine Arbeit nicht mehr erledigen kann, vom Postarzt dienstuntauglich geschrieben und frühpensioniert. Ist er Angestellter, erhält er dann eine "volle Erwerbsminderungsrente", die der Deutschen Rentenversicherung zufolge "tendenziell einer Rente in der Höhe der normalen Altersrente" entspricht. Auch ein Postbeamter, der vorzeitig aufhört, hat kaum Einbußen gegenüber seiner Pension ab 65 Jahren.

Arbeitsmarktexperten halten das Post-Modell für machbar. "Der Charme solch einer Lösung liegt doch darin: Beide Seiten, der Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, haben etwas davon", sagte Holger Bonin, Leiter der Arbeitsmarktforschung am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, der Morgenpost.