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Der Siegeszug des Latte Macchiato

"Einen Caffè Latte bitte, mit viel Schaum!" Diese Bestellung können Sie nicht mehr nur in einem Coffeeshop oder in einem Café aufgeben - auch an der Kasse der Aral-Tankstelle, beim Bäcker und sogar im Dönerladen gibt es inzwischen Kaffeespezialitäten mit aufgeschäumter Milch.

Der "Coffee to go" gewinnt in Deutschland weiter an Beliebtheit; mehr und mehr Unternehmen wollen mitverdienen. Das bedeutet für die klassischen Kaffeeketten, dass sie sich etwas einfallen lassen müssen, um im Wettbewerb zu bestehen.

Deshalb ist der jüngste Zusammenschluss, die Fusion von Balzac Coffee und World Coffee in Hamburg, für Branchenkenner ein logischer Schritt. "Es gibt wenige Große und viele sehr Kleine", sagt Jürgen Schnappinger, Geschäftsführer der Einstein Kaffee GmbH, die in Berlin mehrere Häuser betreibt. "Das ist eine normale Marktentwicklung", sagt auch Gretel Weiß, Herausgeberin des Branchenmagazins "Food Service". "Angesichts des Wettbewerbs müssen die Ketten an Größe gewinnen." Ein Blick in die Statistik belegt das: So kommt der McDonald's-Ableger McCafé auf rund 730 Läden, gefolgt von Tchibo mit rund 530 und Starbucks mit 144 Läden in Deutschland. Segafredo hat laut "Food Service"-Statistik etwa 100 Coffeeshops, Lavazza kommt auf etwas weniger. Der Großteil der Ketten liegt jedoch bei 50 oder weniger Filialen und hat einen regionalen Schwerpunkt, so zum Beispiel Berlin bei Einstein Kaffee. Rund 2100 Coffeeshops gibt es in Deutschland, um 6,3 Prozent wuchs die Branche im vergangenen Jahr.

Balzac Coffee und die World Coffee Company kommen nach ihrem Zusammenschluss auf 58 Kaffeebars in deutschen Städten und haben damit die kritische Masse von über 50 Läden erreicht, die "Food Service"-Herausgeberin Gretel Weiß für nötig hält, um dauerhaft am Markt zu bestehen. "Das neue Unternehmen hat jetzt eine Größe und eine Marktposition, die eine gute Ausgangsbasis für die weitere Entwicklung bieten", sagt Vanessa Kullmann, die Balzac 1998 mit ihrer Schwester gegründet hatte und im neuen Unternehmen im Beirat sitzen wird.

Trotz Konkurrenz durch Bäcker, Dönerläden und Tankstellen rechnet die Branche weiter mit Wachstum. "Da ist noch viel Potenzial drin", sagt Gretel Weiß von "Food Service", auch der Deutsche Kaffeeverband ist optimistisch: "Der Markt hat noch ein großes Entwicklungspotenzial", sagt Geschäftsführer Holger Preibisch, "es gibt viele kleine Städte in Deutschland, in denen der Coffee to go noch nicht angekommen ist."

21 Tassen Kaffee pro Woche

Preibisch spricht von einem unentdeckten Bedarf bei den Kunden: Auch wenn viele Deutsche nach wie vor ihren Kaffee zu Hause trinken, nehmen sie auch den Coffee to go und den Cookie an, sobald ein Coffeeshop in ihrer Gegend eröffnet. Dazu kommt: Während der durchschnittliche Kaffeekonsum weltweit pro Person bei 14 Tassen pro Woche liegt, trinkt ein Deutscher im Schnitt 21 Tassen pro Woche.

McCafé hat das unentdeckte Potenzial in kleinen Städten und auf dem Land bereits erkannt. Die Kette eröffnet in diesem Jahr rund 20 neue Kaffeebars. Jeder dritte Besuch in einem Coffeeshop in Deutschland findet inzwischen in einem McCafé statt. Die Kette hat im Vergleich zu Kaffeebars in teuren Innenstadtlagen den Vorteil, dass sie mit ihren Kaffeeautomaten meist in bereits bestehende Fast-Food-Restaurants der Muttermarke einzieht und von deren Kundschaft profitiert.

Kleinere Unternehmen wollen sich über Qualität profilieren, wie beispielsweise Balzac und die Berliner Kette Einstein. Beide haben jeweils eine eigene Rösterei und wollen mit Qualität und Handarbeit punkten. Einstein setzt beim weiteren Wachstum auch auf die Vergabe von Franchise-Lizenzen. So gibt es inzwischen auch ein Einstein-Coffeehouse in der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Zuletzt bekam das Unternehmen Anfragen aus Asien. "Wir schauen uns vorher sehr genau an, wo wir hingehen", sagt Geschäftsführer Jürgen Schnappinger. Ein nachvollziehbares Vorgehen, schließlich ging die Kette 2002 pleite, unter anderem wegen zu hoher Mieten in Premium-Lagen. Schnappinger kaufte einen Teil der Läden auf. "Für mich war die Pleite die Chance, ein Unternehmen neu aufzumachen", sagt er. Den Namen behielt der Unternehmer allerdings bei.

Starbucks, der amerikanische Platzhirsch mit weltweit rund 17 000 Filialen, weitet derweil sein Geschäftsfeld mit dem Verkauf von Kaffeeprodukten im Supermarkt aus. "Damit erreichen wir Konsumenten in Regionen, in denen wir bisher nicht mit einem Coffeehouse vertreten sind", heißt es bei Starbucks. Die Kette aus San Francisco bereitet in diesen Wochen die Eröffnung eines Coffee-Drive-Thru in Deutschland vor, auch das ein logischer Schritt, um der Konkurrenz durch Tankstellen und Raststätten zu begegnen.