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Deutsche Telekom macht mit der Frauenquote Ernst

Knapp eineinhalb Jahre nach der Verkündung einer internen Frauenquote bei der Deutschen Telekom macht Konzernchef René Obermann Nägel mit Köpfen: Der 48-Jährige will seinen Vorstand radikal umbauen und dabei drei der sieben männlichen Vorstände durch Frauen ersetzen.

Fest steht seit Montagabend: In das oberste Führungsgremium ziehen erstmals zwei Frauen ein. Der Aufsichtsrat des Bonner Unternehmens berief die ehemalige baden-württembergische Bildungsministerin Marion Schick sowie die Unternehmensberaterin Claudia Nemat in das Führungsgremium. Nemat übernimmt im Oktober den Vorstandsbereich Europa, Schick wird im nächsten Jahr Personalchefin. Gegen ihre Berufung protestierten bereits die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Noch nicht bekannt ist, wer das ebenfalls frei werdende Vorstandsressort für Recht und Datenschutz übernimmt. Auch hierfür will Konzernchef René Obermann eine Frau gewinnen.

Sollte sich Obermann mit diesen Plänen durchsetzen, würde die Frauenquote zumindest in der Chefetage schon mal auf über 40 Prozent schießen - mit diesem Anteil läge der Bonner Konzern weit vor der übrigen Dax-Konkurrenz.

Die potenzielle Europa-Chefin Claudia Nemat ist Partnerin bei der Unternehmensberatung McKinsey und dort für Hightech-Unternehmen in Europa, dem Nahen Osten und Afrika zuständig. "Claudia Nemat genießt breite Unterstützung", erfuhr die Berliner Morgenpost aus Aufsichtsratskreisen. Das Ressort ist bereits vakant, da der bisherige Europachef der Telekom, Guido Kerkhoff, im April dieses Jahres zu ThyssenKrupp gewechselt war.

Heftig umstritten war hingegen die Besetzung der beiden anderen Ämter. Ausgerechnet der "Vater der Frauenquote", Thomas Sattelberger auf die sich die Telekom 2010 als erster Konzern im Deutschen Aktienindex (Dax) freiwillig verpflichtet hatte, muss seinen Posten räumen. Laut "Handelsblatt" hätte der 62-Jährige seinen bis Mai 2012 laufenden Vertrag gerne verlängert, doch sei er damit auf den Widerstand der Arbeitnehmervertreter gestoßen. Diese hatten bereits seine Berufung kritisiert und mussten kurze Zeit später tatsächlich harte Einschnitte für die Beschäftigten mit ihm aushandeln. Die "Digitalisierung der Netze und die Konsequenzen daraus für den Konzernumbau und das Personal" sprächen dafür, "dass man einen Vorstand mit einer längeren Perspektive reinholen will", verlautete aus Aufsichtskreisen.

Mit Marion Schick als Nachfolgerin sind die Arbeitnehmervertreter aber nun auch nicht richtig glücklich. Sie bezweifeln, dass die CDU-Politikerin die Interessen der Mitarbeiter ausreichend beachten würde. Zudem seien im Aufsichtsrat Zweifel an der Qualifikation der 52-Jährigen aufgekommen. Schick war vor ihrer Zeit als Ministerin für den Vorstandsbereich Personal und Recht bei der Fraunhofer-Gesellschaft zuständig.

Auch der Vorstand für Datenschutz, Recht und Compliance, Manfred Balz, hört dem "Handelsblatt" zufolge mit 66 Jahren früher auf, obwohl sein Vertrag noch bis Oktober 2012 laufe. Wen Telekom-Chef Obermann für diesen Posten vorgesehen hat, blieb allerdings vorerst geheim. Doch auch um diese dritte Kandidatin gebe es Streit - diesmal vonseiten der Anteilseigner, erfuhr die Morgenpost aus Telekom-Kreisen.

Der Telekommunikationskonzern hatte im März 2010 verkündet, bis zum Jahr 2015 freiwillig 30 Prozent der oberen und mittleren Führungspositionen im Unternehmen mit Frauen zu besetzen. "Mit mehr Frauen an der Spitze werden wir einfach besser", hatte Obermann nach dem Beschluss gesagt. Schon damals hatte die Telekom die anderen Dax-Unternehmen schwer in Zugzwang gebracht. Sollten der Konzern jetzt tatsächlich drei seiner sieben Vorstandsposten mit Frauen besetzen, würde er sich erneut an die Speerspitze setzen. Denn die besagten 40 Prozent liegen weit über den Quoten der Dax-Konkurrenz (siehe Grafik).

Über eine Quote für Frauen in Spitzenpositionen wird schon seit Monaten in Deutschland diskutiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder (beide CDU) hatten sich gegen eine solche Regelung ausgesprochen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (ebenfalls CDU) will sie forcieren. Das Bundesfamilienministerium hatte in seiner vierten Bilanz zur Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Wirtschaftsverbänden zur Chancengleichheit von Frauen und Männern vor einer Woche erklärt, vor allem bei der Förderung von Frauen in Führungspositionen seien die Fortschritte ungenügend und zu langsam. Auch die Gewerkschaft Ver.di zieht eine ernüchternde Bilanz: Unternehmen würden nach wie vor von Männern dominiert, die "keine Initiative entwickeln werden, Frauen den Platz einzuräumen, der ihnen längst zusteht", beklagte die stellvertretende Vorsitzende Margret Mönig-Raane. Daher sei nun der Gesetzgeber gefragt.

Unternehmen, Industrie und Handwerk verweisen hingegen auf einen kontinuierlich steigenden Anteil von Frauen in Führungspositionen. Knapp 28 Prozent dieser Stellen seien inzwischen von Frauen besetzt, teilten die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft am Montag mit. Bei Führungskräften bis 39 Jahre seien es 38 Prozent.