Konjunktur

Berlin hat mehr wirtschaftlichen Schwung als Bayern

Die Kernaussagen dieser Studie dürften im Berliner Wahlkampf noch einige Male auftauchen. Sie klingen einfach zu gut, als das die rot-rote Koalition darauf verzichten könnte. "Berlin ist nun auch wirtschaftlich auf dem Weg zur Weltstadt", lautet eine Botschaft. Eine andere: "Berlin entwickelt eine nachhaltige Eigendynamik."

Oder auch: "Das neue Berlin hat auch aufgrund seiner umfassenden Bildungslandschaft beste Voraussetzungen, diese Entwicklung fortzusetzen."

Zum neunten Mal hat die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zusammen mit dem Magazin "Wirtschaftswoche" die wirtschaftliche Attraktivität der deutschen Bundesländer unter die Lupe genommen. Erfreulich für die Hauptstadt: Berlin steht zusammen mit Brandenburg an der Spitze des sogenannten Dynamik-Rankings aller Länder. Ganz hinten findet sich Baden-Württemberg. In dieser Disziplin wurde untersucht, welcher Standort sich zwischen 2007 und 2010 am besten entwickelt hat. Berlin wuchs am stärksten, schaffte die meisten Arbeitsplätze, hat viele hoch qualifizierte Menschen und gewinnt Einwohner hinzu.

Allerdings macht die Studie einmal mehr deutlich, welch schwere Hypothek auf dem Wirtschaftsstandort lastet - und wie lange es dauern wird, bis Berlin bei Wirtschaftskraft und Beschäftigung auf Bundesniveau kommt. Denn das Dynamik-Ranking bildet die jüngere Entwicklung ab und trifft eine Aussage über Chancen für die Zukunft. Der zweite Teil des Bundesländervergleichs, das Bestandsranking, zielt auf den Ist-Zustand ab. Und da landet Berlin auf Platz 15. Nur Sachsen-Anhalt ist in dieser Auflistung noch schlechter. Immerhin hat sich Berlin im Vergleich zu 2010 um einen Platz verbessert. Rang eins hat Bayern inne.

Schwäche als Stärke

Grundsätzlich ist am Ranking Folgendes interessant. Bei der Dynamik belegen die fünf Ostländer plus Berlin die ersten sechs Plätze. Obwohl es sich widersprüchlich anhört: Ein wesentlicher Grund ist die relative Schwäche des deutschen Ostens. Denn Berlin und die anderen Länder sind weit weniger industrie- und exportstark als so starke Wirtschaftsregionen wie Bayern und Baden-Württemberg. Jene Länder jedoch verloren in dem relevanten Zeitraum für das Dynamik-Ranking, 2007 bis 2010, durch die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte besonders. Berlin hingegen kam am besten durch die Krise. Die übrigen Ostländer hatten ebenfalls nur vergleichsweise geringe Einbrüche bei der Wirtschaftsleistung zu verzeichnen.

"Die Erfolge der ostdeutschen Länder im Dynamikvergleich relativieren sich bei einem Blick auf das Bestandsranking", heißt es in der Studie, die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der INSM erstellt hat. Denn wenn es um Indikatoren wie Arbeitslosenquote, Hartz-IV-Empfänger, Wirtschaftskraft je Kopf oder verfügbares Einkommen geht, dann hält Berlin oft die rote Laterne. Im Mai lag die Arbeitslosenquote in der Stadt bei 13,6 Prozent. In Bayern herrscht gleichzeitig mit 3,6 Prozent praktisch Vollbeschäftigung und Deutschland insgesamt ist mit einer Quote von 7,7 Prozent nicht so weit von diesem ambitionierten Ziel entfernt.

Im Jobchancen-Index, den die INSM ebenfalls für jedes Bundesland erhoben hat, schneidet die Hauptstadt am schlechtesten ab. "In den Ländern Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind die Chancen auf einen neuen Job aktuell relativ betrachtet am schlechtesten", heißt es in der Studie. Gemessen an den gemeldeten offenen Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit kommen in Berlin auf einen Job fast 22 Arbeitslose. "Darin zeigt sich, dass viele in der Bundeshauptstadt von der stürmischen Aufwärtsentwicklung abgekoppelt sind", sagt INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.

Immerhin hat sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Berlin durchaus verbessert. "Die Erwerbstätigenzahl wuchs um 5,1 Prozent - auch hier führt Berlin", sagt Pellengahr.

Der INSM-Geschäftsführer leitet aus dem Zustand des Arbeitsmarktes Empfehlungen für die Wahlkämpfer in Berlin ab. Es müssten vor allem auch Problemgruppen an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. "Unabhängig davon, wer neues Stadtoberhaupt von Berlin wird: Das ist die große Herausforderung für die neue Amtsperiode", sagt Pellengahr.