Versicherungen

Schlechte Beratung bei Ergo hatte System

Die Vertreter des Versicherers Ergo haben mehr Kunden fragwürdige Unfallversicherungen aufgeschwatzt als bisher bekannt. Im ersten Halbjahr 2010 rieten zahlreiche Außendienstler der Konzerntochter Hamburg-Mannheimer ihren Kunden dazu, ihre Lebensversicherung zu kündigen und das Geld in spezielle Unfallpolicen zu stecken.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost wurden die Vertreter in Schulungen ausdrücklich dazu angehalten, zu solchen "Umdeckungen" zu raten. Daraufhin seien Lebensversicherungskunden über Monate systematisch angesprochen worden, berichteten mehrere ehemalige Ergo-Verkäufer. Solche Umdeckungen sind für die Mehrzahl der Kunden ein Verlustgeschäft, versprechen den Vertriebsleuten aber zusätzliche Provisionen.

Ein Konzernsprecher bestätigte, dass es auch bei der Hamburg-Mannheimer zu Umdeckungen kam. Der Konzern habe jedoch restriktive Vorgaben für solche Geschäfte gemacht. Bislang hatte Ergo nur zugegeben, dass es solche Fälle bei der Konzerntochter Victoria gab - und zwar in einem relativ kurzen Zeitraum im Sommer 2009. Keinesfalls habe man sich aber systematisch um Umdeckungen bemüht. Die Praxis bei der Hamburg-Mannheimer zeichnet nun jedoch ein ganz anderes Bild.

Damit hat die Ergo-Führung um Vorstandschef Torsten Oletzky die Öffentlichkeit erneut unvollständig informiert. Erst vor zwei Wochen hatte sich der Versicherer mit einer Kommunikationspanne blamiert: Den Vorwurf falsch berechneter Kosten bei Riester-Verträgen hatte die Ergo zunächst dementiert, um Stunden später doch Versäumnisse zugeben zu müssen. Der Versicherer muss sich mit immer neuen Skandalen auseinandersetzen, seit Mitte Mai eine Sex-Orgie für 70 Hamburg-Mannheimer-Vertreter in Budapest bekannt wurde.

Dem Vernehmen nach gab es bei Ergo insgesamt rund 4000 Fälle von Umdeckungen, 2300 davon stammen internen Angaben zufolge von der Victoria, der Rest von der Hamburg-Mannheimer. Ergo hatte zuletzt von 2000 bis 4000 Fällen gesprochen.

Die neuen Vorwürfe drehen sich um ein Produkt, das im Sommer 2009 bei der Victoria eingeführt wurde und zum Januar 2010 auch bei der Hamburg-Mannheimer: Eine sogenannte Unfallversicherung mit Beitragsrückgewähr (UBR), die nicht mit laufenden Monats- oder Jahresbeiträgen gespeist wird, sondern mit einer einmalig zu zahlenden Summe. Eine UBR-Police verbindet die Absicherung von Unfallrisiken mit einer Sparfunktion, weil nach einigen unfallfreien Jahren Beiträge zurückgezahlt werden.

Bei Verbraucherschützern gilt dieses Produkt seit langem wegen relativ hoher Gebühren als wenig kundenfreundlich. Besonders ungünstig wird das Geschäft, wenn zugunsten einer solchen Police eine laufende Lebensversicherung gekündigt wird - denn dabei erhält der Kunde in vielen Fällen nicht einmal seine eingezahlten Beiträge zurück. Auch anderen Gesellschaften werfen Verbraucherschützer solche fragwürdigen Beratungen vor.

Genau diese Umdeckungen wurden offenbar auch bei Ergo 2010 reihenweise empfohlen, zumindest in der sogenannten Hamburg-Mannheimer-Stammorganisation (HMS), in der die klassischen Versicherungsvertreter des Unternehmens zusammengefasst sind. Und dies offenbar keineswegs allein auf Eigeninitiative einzelner Vertreter: Zur Markteinführung sei über Monate ein verdoppelter Provisionssatz für den Verkauf der UBR gegen Einmalbeitrag gezahlt worden, sagt der ehemalige HMS-Vertreter Marcel Kort, der von Oktober 2009 bis Juli 2010 für die Ergo tätig war.

"In Schulungen der HMS-Vertreter wurde ausdrücklich dazu ermuntert, den Kunden zu raten, laufende Lebensversicherungen zu kündigen und den Rückkaufswert in eine UBR gegen Einmalbeitrag zu investieren." Seine Angaben liegen der Berliner Morgenpost ebenso in Form einer eidesstattlichen Versicherung vor wie der Bericht einer weiteren ehemaligen Vertreterin. Sie bestätigt sowohl die Provisionsregelung als auch die entsprechenden Schulungen.

"In Schulungen wurde dazu ermuntert, den Kunden zu raten, laufende Lebensversicherungen zu kündigen"

Marcel Kort, ehemaliger Vertreter der Hamburg-Mannheimer