Mario Draghi

Ein Italiener leitet bald Europas Zentralbank

In den kommenden Jahren führt ein Italiener die Europäische Zentralbank. Die EU-Staats- und Regierungschefs bestimmten Mario Draghi (63) zum neuen Präsidenten. Er löst den Franzosen Jean-Claude Trichet zum 1. November an der Spitze der EZB ab.

Noch leitet Draghi die italienische Notenbank Banca d'Italia.

In letzter Minute gab es noch Streit um die Posten im EZB-Direktorium: Italien hätte mit dem Einzug Draghis zwei der sechs Stellen besetzt, weil die Amtszeit von Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi erst in zwei Jahren endet. Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatten ausgemacht, dass Italien für einen Vertreter Frankreichs Platz machen würde. Bini Smaghi hatte sich zunächst aber geweigert zu gehen, solange er keinen anderen Posten in Aussicht hatte. Dann erklärte er sich zum Rückzug bereit.

Nationale Interessen sollen bei der politisch unabhängigen Zentralbank keine Rolle spielen. Doch nach einem ungeschriebenen Gesetz haben Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien einen Anspruch auf dauerhafte Vertretung an der EZB-Spitze. Auf den übrigen beiden Posten dürfen die Zentralbanker aus den kleineren Ländern rotieren. Über die Zinsen entscheiden alle 17 Euro-Staaten im EZB-Rat, dem die nationalen Notenbankchefs neben den sechs Direktoriumsmitgliedern angehören.

Deutschland hatte lange Zeit im Rennen um die Nachfolge Trichets die Nase vorn, verlor mit dem Rückzug Axel Webers vom Amt des Bundesbankpräsidenten im April aber seinen Kandidaten.

Draghi ist im EZB-Rat weder dem Lager der strikt an Geldwertstabilität orientierten "Falken" zuzuordnen, noch den im Zweifelsfall eher für eine lockere Zinspolitik eintretenden "Tauben". Er gilt als Pragmatiker. Der ehemalige Harvard-Professor sammelte Erfahrungen in der Regierung, bei der Finanzaufsicht, der Weltbank und in der Privatwirtschaft. Während seiner Zeit im italienischen Finanzministerium arbeitete er an den Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes mit. Zuletzt machte der Italiener als Chef des Finanzstabilitätsrats (FSB) auf sich aufmerksam. Das Gremium arbeitet an der neuen Weltfinanzordnung mit.

Draghi hatte sich bei einer Anhörung im Europäischen Parlament allerdings Fragen zu seiner Vergangenheit als Führungskraft der US-Investmentbank Goldman Sachs anhören müssen. Die Bank soll Griechenland beim Verschleiern des riesigen Haushaltsdefizits geholfen haben. Draghi beteuerte, damit nichts zu tun gehabt zu haben. Das Parlament hatte seine Ernennung unterstützt.