BAIC

Chinesen wollen Opel retten

Keine wütenden Attacken auf das Management des Mutterkonzerns General Motors (GM), keine verzweifelten Hilferufe. Es bleibt recht ruhig auf der Opel-Betriebsversammlung in Rüsselsheim. Dabei ist am Tag zuvor bekannt geworden, dass die Amerikaner ihr Europageschäft möglicherweise abstoßen wollen.

Doch die Opelaner sind einfach abgebrüht nach allem, was sie mit GM in den vergangenen Jahren erlebt haben. Auch dass Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke die Verkaufsgerüchte nicht aus der Welt schaffen kann, wird eher stoisch zur Kenntnis genommen. "Er hätte einfach sagen müssen, dass Opel nicht verkauft wird", sagt ein Rüsselsheimer Arbeitnehmer-Vertrauensmann, und das klingt sehr unaufgeregt.

Aber das Problem ist, dass Stracke das, was er "Gerüchte und Spekulationen" nennt, nicht aus der Welt schaffen kann. Denn es stimmt tatsächlich: GM prüft den Verkauf von Opel und der Schwestermarke Vauxhall. Wieder einmal. Anlass ist offenbar ein Vorstoß des chinesischen Autobauers BAIC. Der Staatskonzern Beijing Automotive Group habe ernsthaft seine Fühler Richtung Detroit ausgestreckt mit dem Ziel, Opel zu übernehmen, heißt es im Umfeld des Unternehmens. Bislang hatten die Pekinger mit ihren Plänen keine Chance, doch die Unzufriedenheit der GM-Spitze mit der aus ihrer Sicht schleppenden Opel-Sanierung ist inzwischen so groß, dass zumindest ein Teil des Managements in Detroit die Reißleine ziehen will.

Dabei ist Strackes Vorgänger Nick Reilly, der als Sanierer angetreten war, nicht gescheitert: Opel hat Personal gestrichen, ein Werk geschlossen und im abgelaufenen Quartal bereinigt von Nebeneffekten operativ sogar wieder Geld verdient. Aber erstens verblasst das zarte Pflänzchen neben der rasenden Gesundung des Mutterkonzerns seit dessen Pleite und 40-Tage-Blitzsanierung 2009. Vor allem aber soll Reilly bei einer entscheidenden Kennzahl angeblich sein Ziel nicht erreicht haben: beim Marktanteil.

Der ist in Europa seit 2008 insgesamt rückläufig, vor allem weil das Deutschland-Geschäft schwächelt. Andere Massenhersteller wie Volkswagen oder Ford dagegen konnten seither spürbar zulegen. Unter anderem das soll den "Falken" im Verwaltungsrat, also jenen, die Opel schon 2009 in der Krise abstoßen wollten, neuen Auftrieb gegeben haben. "Der Verwaltungsrat ist in der Frage der Zukunft Opels tief gespalten", heißt es im Umfeld des Gremiums. Noch sei das Ringen nicht beendet. Doch entschieden wird womöglich schon auf der nächsten Sitzung des GM-Verwaltungsrates.

Schon 2009 Interesse

BAIC hatte bereits im Sommer 2009 neben dem österreichisch-kanadischen Zulieferkonzern Magna und der Investmentholding RHJ International um Opel geboten - war aber schon ausgeschieden, bevor sich die GM-Spitze überraschend entschied, das Europageschäft doch nicht zu verkaufen. Die Chinesen hatten damals erklärt, die vier Werke in Deutschland nicht anzutasten, nur den Standort Antwerpen schließen zu wollen und für 1,4 Milliarden Euro eine neue Fertigungsstätte in China zu errichten. Nach der Abfuhr bei Opel bemühte sich BAIC um die GM-Marke Saab - mit teilweisem Erfolg. Die Chinesen kauften schließlich die Produktionsrechte für Saabs Plattform, Motoren und Getriebe von GM.

Angeleitet von der Staats- und Parteiführung in Peking versuchen die Autohersteller seit Jahren, Zugriff auf die Technologie eines größeren Herstellers aus dem Westen oder Japans zu bekommen. Die Chinesen haben eingesehen, dass sie aus eigener Kraft länger brauchen, um eine international schlagkräftige Autoindustrie aufzubauen. Vor rund einem Jahr hat der chinesische BAIC-Konkurrent Geely die schwedische Traditionsmarke Volvo von Ford gekauft.

Weil man bei GM die Sanierungsfortschritte Opels mit zunehmender Ungeduld verfolgt - Konzernchef Dan Akerson hat das seit diesem Jahr mehrfach betont - erscheint den Amerikanern offenbar das Europageschäft in einem anderen Licht. Nach überwundener Krise und Insolvenz konnte sich in Detroit jene Gruppe durchsetzen, die am Konzept vom globalen Player mit Fabriken weltweit festhalten wollte. "Dafür gab es im Verwaltungsrat immer nur eine knappe Mehrheit - und damit auch für Opel", sagt ein Insider. Nun aber werde jene Gruppe stärker, die darauf dringt, das Europageschäft loszuwerden.

Die Verluste mit dem Verkauf Opels wären zu verkraften, behaupten zumindest die "Falken". Man würde damit Mitarbeiter verlieren, die ohnehin nicht gut auf den Mutterkonzern zu sprechen seien, und Fabriken, die mit Ausnahme von Rüsselsheim nicht dem neuesten Stand entsprächen. Das Entwicklungszentrum in Rüsselheim, was selbst Opel-Kritiker bei GM als Juwel bezeichnen, gehöre ohnehin dem Mutterkonzern und müsse nicht automatisch ganz verkauft werden.

"Was ist schon Europa?"

Der Markt Europa bricht mit dem Verlust von Opel und Vauxhall für GM allerdings ohne Frage ein. "Aber was ist schon Europa? Aus Sicht von US-Managern sind der Heimatmarkt und die Boommärkte in Asien entscheidend. Europa verspricht kein großes Wachstum und genießt daher keine Priorität. So denken einige im GM-Verwaltungsrat", sagt ein ehemaliger GM-Manager.

Zwei ganz entscheidende Haken hätte ein Verkauf Opels an BAIC allerdings. Da wäre das Ringen darum, wie viel Zugriff ein Käufer auf das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim und die Patente bekommt. Darum war schon 2009 heftig gestritten worden. Ohne diese beiden Pfunde, die den wahren Wert Opels darstellen, ist die GM-Tochter wenig wert. Zum anderen werden sich selbst die "Falken" gut überlegen, ob sie mit Opel ausgerechnet einen chinesischen Hersteller stärken wollen. Denn China ist für GM längst der wichtigste Markt.