Optimismus

Wenn es um Wirtschaft geht, kennen Deutsche keine "German Angst"

Sie ist so sprichwörtlich, dass sie es schon zu einem geflügelten Wort im englischen Sprachraum gebracht hat: die "German Angst", die Schwarzseherei dieses eigentümlichen Menschenschlags zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Episodisch werden, so das Klischee, die Krauts von Panikattacken heimgesucht.

Atom, EHEC, Euro - früher oder später geht ja doch alles den Bach runter, glauben sie. Deutschland, dem Untergang geweiht, wenn nicht heute, dann morgen. Doch ausgerechnet die Briten haben die Deutschen nun genauer unter die Lupe genommen. Und Erstaunliches entdeckt.

Eine Untersuchung des Londoner Ipsos-Mori-Instituts zeigt, dass die Deutschen eigentlich ganz anders gestrickt sind: nämlich fröhlich, unbekümmert und der Zukunft zugewandt. Die Marktforscher haben fast 20 000 Menschen in 24 Ländern der Welt danach befragt, wie sie die wirtschaftliche Lage in ihrem Land einschätzen und was sie für die kommenden sechs Monate erwarten. Das unerwartete Ergebnis: Die Deutschen rangieren ganz vorne, während die europäischen Nachbarn die wahren Unglückspropheten sind.

Zwei Drittel der Deutschen schätzen demnach die Lage der Wirtschaft als "sehr gut" oder "einigermaßen gut" ein. Jenseits des Rheins, in Frankreich, sind es gerade mal acht Prozent, die so denken. Ebenso viele sind es in Spanien. Selbst die mutmaßlich dauerfröhlichen Italiener bringen es nur auf einen Wert von zehn Prozent, genau wie die tatsächlich von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Briten. Und die für ihren Optimismus weltweit berühmten Amerikaner kommen auf ziemlich magere 17 Prozent.

Nun kann man mit einigem Recht behaupten, dass die Deutschen derzeit allen Grund zur Zuversicht haben. Schließlich brummt die Konjunktur, die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie seit Jahren nicht mehr, da und dort steigen sogar die Gehälter wieder.

Selbst in der Krise zuversichtlich

Gleichzeitig dümpelt die Wirtschaft der Nachbarn vor sich hin oder befindet sich im Zangengriff von immer schnellerem Preisauftrieb und stagnierenden Unternehmensausblicken. Das ist keine Zeit, in der Optimismus sprießt. Die Forscher des Londoner Instituts haben jedoch noch mehr Zahlen zu bieten. Denn sie führten diese Studie nicht zum ersten Mal durch. Dadurch lässt sich die Stimmung der Völker über eine Zeitperiode verfolgen, die schon vor der Finanzkrise einsetzte und auch die schlimmste Phase der Krise umfasst. Wenn man diese Zahlen zurate zieht, dann zeigt sich: Die Deutschen sind kaum von ihrem Optimismus abzubringen, sie scheinen die rosarote Brille geradezu erfunden zu haben.

So lagen sie schon im April 2007 weit vor Briten, Franzosen, Italienern oder Amerikanern, obwohl jene damals noch mittendrin waren in einem jahrelangen, scheinbar endlosen wirtschaftlichen Aufschwung. 59 Prozent der Deutschen hielten die wirtschaftliche Lage damals für gut, nur die Spanier kamen seinerzeit mit einem Wert von 58 Prozent an sie heran. Briten (55 Prozent), Franzosen (27 Prozent), Italiener (28 Prozent) - niemand konnte es mit den Deutschen aufnehmen. Während der Krise stürzte der deutsche Wert bis April 2009 auf 24 Prozent ab. Doch die westlichen Vergleichsländer fielen meist auf 15 Prozent oder noch weniger. Und dort verharren sie größtenteils bis heute.

Ähnlich unbekümmert in Europa sind übrigens sonst nur noch die Schweden - auch reichlich überraschend. Sie bringen es aktuell sogar auf einen Wert von 78 Prozent, die von der wirtschaftlichen Lage im eigenen Land schwärmen. Es folgen die Deutschen und dann, schon deutlich abgeschlagen, mit 41 Prozent die Belgier. Aber wer schon ein Jahr ohne Regierung lebt, den kann wohl ohnehin nichts mehr erschüttern. Auf einem Niveau mit den europäischen Glückskindern oder darüber sind nur Länder wie das in Öl-Dollars badende Saudi-Arabien, die Boomnationen China oder Indien sowie die Rohstoff-Profiteure Australien und Kanada.