Untersuchung

58 Prozent der Frauen wurden schon sexuell belästigt

Obszöne Witze, schmutzige Bemerkungen, aufdringliche sexuelle Angebote - sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat viele Formen. Der Gesetzgeber definiert "sexuelle Belästigung" im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) als "unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, dass die Würde der betreffenden Person verletzt, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird".

Blickt man auf die offiziellen Statistiken, dann findet "sexuelle Belästigung" in Deutschland lediglich in Einzelfällen statt. So haben bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) seit 2006 nur 65 Frauen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz Rat gesucht. Doch die Dunkelziffer ist hoch. "Wir gehen von einer großen Zahl von Fällen aus, die nicht gemeldet werden", sagt die ADS-Leiterin Christine Lüders. "Im Job trauen sich viele Frauen nicht, ihre Kollegen oder Kunden offen zu beschuldigen." Verantwortlich dafür sei auch die Frage der Beweisbarkeit solcher Vorwürfe: "Das Opfer muss Beweise für die Anschuldigungen vorlegen", sagt Lüders. "Das ist jedoch denkbar schwer, und so steht oft Aussage gegen Aussage."

Dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz weit verbreitet ist, legen auch nationale und internationale Studien nahe. In einer Untersuchung über Gewalt gegen Frauen im Auftrag des Bundesfamilienministeriums berichteten 58 Prozent der Befragten, sie hätten schon einmal Formen sexueller Belästigung erlebt. Für die repräsentative Untersuchung wurden 2003 rund 10 000 Frauen befragt. Jede fünfte Frau gab an, sie sei auch in den letzten zwölf Monaten belästigt worden. Die Hälfte der belästigten Frauen erlebte die Situation als ernsthafte Bedrohung, für neun Prozent endete die Belästigung mit einer Vergewaltigung oder mit körperlicher Gewalt.

Gemäß der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sollen in der Europäischen Union zwischen 40 und 50 Prozent der Frauen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen sein. Junge, finanziell abhängige, ledige oder geschiedene Frauen und Einwanderinnen seien besonders ungeschützt. Mit der Weltwirtschaftskrise und der Ausbreitung von "prekären" Jobs dürfte die Quote noch gestiegen sein, vermuten die ILO-Experten. Eine junge, unerfahrene Krankenpflegerin mit befristetem Vertrag könne sich schlechter gegen sexuelle Belästigungen wehren als eine gestandene Krankenschwester in Festanstellung.

Die Experten haben auch besondere Risikosektoren ausgemacht: So seien Haushaltshilfen besonders gefährdet. Oft lebten und arbeiteten sie etwa als Putzfrauen, Kindermädchen oder Pflegerinnen isoliert von ihren Freunden und der Familie in Privathaushalten. Aber auch im Gesundheitswesen, in dem 80 bis 90 Prozent der Arbeit von Frauen verrichtet wird, sei das Gewaltrisiko für die Beschäftigten achtmal höher als etwa im Verarbeitenden Gewerbe. 70 Prozent aller Vorfälle gegen Krankenschwestern würden nicht angezeigt, zitiert die ILO eine kanadische Studie. In vielen Ländern scheuten sich die betroffenen Frauen auch die Täter anzuzeigen, weil sie Racheakte bis hin zum Verlust des eigenen Lebens fürchteten.

Bei den 65 Fällen, die der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gemeldet wurden, ging es nur in Einzelfällen um sexuelle Belästigung durch Kunden. In der Mehrzahl der Fälle handelte es sich um anzügliche Bemerkungen oder körperliche Belästigungen durch Kollegen oder Vorgesetzte. "Der Arbeitgeber hat die Pflicht, die betroffenen Beschäftigten umfassend vor denjenigen zu schützen, die sie belästigen", stellt ADS-Leiterin Lüders klar. Möglich sind Abmahnungen, Versetzungen oder auch die Kündigung.

Mut können den betroffenen Frauen auch die Urteile machen, die Richter gegen Belästiger fällten, welche gegen ihre Kündigung geklagt hatten. So urteilten Richter in Frankfurt/Main, ein Griff an die Brust einer Kollegin rechtfertige eine fristlose Kündigung. Auch der Klaps auf den Po sei Grund für eine außerordentliche Entlassung. Schon wer die übliche minimale körperliche Distanz nicht wahre, sondern eine Kollegin "gezielt unnötig und wiederholt unerwünscht anfasst", begehe eine sexuelle Belästigung, befand das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein.

Bei Kunden kann der Arbeitgeber Verwarnungen aussprechen oder Hausverbot erteilen. In der Praxis kann das zu Interessenkonflikten des Arbeitgebers führen: Einerseits möchte er seinen Kunden nicht verlieren, andererseits muss er seinen Mitarbeiter vor Übergriffen schützen. "Der Arbeitgeber muss deutlich machen, dass er die Situation der Betroffenen ernst nimmt und hinter ihr steht", sagt Lüders.