Der Parketthandel ist Geschichte

Computer übernehmen die Kontrolle an der Frankfurter Börse

Ab morgen gibt es eine Sprache weniger, eine der puristischsten überhaupt. "10 zu Komma 2", habe er den freien Kursmaklern zugerufen, wenn sie zu ihm kamen und nach der Solarworld-Aktie fragten, erinnert sich Jochen Dietrich.

10 zu Komma 2: Wer verkaufen wollte, bekam zehn Euro pro Aktie, wer kaufen wollte, musste 10,20 Euro bezahlen. Die Vokabeln dieser Sprache kann der 36-Jährige nun vergessen. Bis Freitag war der Zurufhandel auf dem Börsenparkett in Frankfurt noch erlaubt. Ab Montag herrscht endgültig Stille. Dann werden die Preise für Aktien wie Solarworld nicht mehr von Menschen gemacht, sondern ausschließlich von Maschinen.

Vor zwölf Jahren kam Dietrich nach Frankfurt. Zunächst gehörte auch er zu jenen, die in den Hinterzimmern saßen. Immer wieder rannte er auf das Parkett, um im Auftrag einer Bank Aktien etwa von Neuer-Markt-Unternehmen wie Mobilcom oder EM.TV zu kaufen oder zu verkaufen. "Da war Schnelligkeit gefragt, wir standen mitunter mit 20 oder 30 Leuten vor der Maklerschranke und riefen unsere Orders rüber", erinnert er sich.

Als 2002 die amtlichen Kursmakler abgeschafft wurden, übernahmen sogenannte Skontroführer die Mittlerrolle zwischen Käufer und Verkäufer. Auch Dietrich wechselte die Seite. Und jetzt schon wieder: Ab Montag wird er sich nicht mehr Skontoführer, sondern Spezialist nennen, einer von mehr als 100, aufgeteilt auf 16 Handelsbanken. Er hat den Auftrag einzugreifen, wenn die Maschinen an ihre Grenzen stoßen. Denn die elektronische Handelsplattform Xetra, über die bislang schon 95 Prozent des Frankfurter Handels liefen, funktioniert tadellos, solange es immer ausreichend Kauf- und Verkaufsorders für eine Aktie, eine Anleihe oder einen Fonds gibt. Doch bei Nebenwerten und Auslandsaktien ist dies längst nicht immer der Fall, dann müssen Anleger auf die Ausführung ihrer Order warten, oder es kommt zu Preisverzerrungen.

In solchen Fällen sollen künftig Spezialisten wie Dietrich bereitstehen und die Aktie selbst kaufen - sie werden als Schmiermittel für einen reibungslosen Betrieb gesehen. Die Rolle des reinen Vermittlers zwischen Verkäufer und Käufer verlieren sie jedoch. Das deutlichste Zeichen dafür: Die Maklercourtage fällt weg. Dafür gibt es künftig ein leistungsbezogenes Entgelt. Je besser die Kurse sind, die die Spezialisten den Anleger gewähren, umso besser werden sie bezahlt.

Der Anleger bekommt von alledem nichts mit. Er kann in der Filiale oder in der Eingabemaske des Online-Brokers weiterhin "Xetra" oder "Frankfurt" eingeben. An die Stelle der Maklercourtage treten Transaktions- und Handelsentgelte. Nach Angaben der Deutschen Börse liegen diese bis zu einem Ordervolumen von 6250 Euro bei rund drei Euro, darüber hinaus fallen 0,6 Promille der Auftragsgröße an. Bislang waren es bei Dax-Aktien 0,4 Promille, bei sonstigen Werten 0,8 Promille. Für Privatanleger sind aber schon immer jene Kosten wichtiger, die von der Filialbank oder dem Online-Broker berechnet werden. Sie übertreffen die reine Börsenabgabe um ein Vielfaches.

"Die Erwartung ist, dass sich mit dem neuen Modell die Umsätze in einzelnen Werten deutlich erhöhen", sagt Dietrich. Und mehr Umsatz bedeutet in der Börsentheorie automatisch bessere Preise. Dietrich sieht keinen Grund, über einen vermeintlichen Bedeutungsverlust zu klagen. Frankfurt soll für internationale Anleger attraktiver werden. Bislang hatte etwa ein Händler aus London keinen Anschluss an das auf dem Parkett genutzte Handelssystem Xontro. Wollte er dennoch einen deutschen Nebenwert, musste er in Frankfurt anrufen. Jetzt hat er alle Werte auf seinem Bildschirm.