Christine Lagarde

Die Französin, die den IWF leiten könnte

Christine Lagarde kann Menschen für sich gewinnen. Auch solche, die als schwierig gelten. Man muss nur Wolfgang Schäuble (CDU) zuhören, wenn er über seine Kollegin spricht. Seine Augen glänzen dann, die Worte des Bundesfinanzministers sprühen vor Begeisterung. Wer Lagarde einmal erlebt hat, versteht ihn.

Mitte April, Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF): Lagarde hält vor gut 200 Journalisten aus aller Welt die Pressekonferenz der 20 größten Industrie- und Schwellenländer ab. Die Finanzministerin übersetzt sich selbst. Ihre Botschaft, die sie zunächst auf Englisch beginnt, überträgt sie selbst ins Französische. Fragen in ihrer Heimatsprache beantwortet sie auf Englisch. Jeder versteht, was sie mitzuteilen hat. Normalerweise erwarten Vertreter Frankreichs, dass der Rest der Welt ihre Sprache versteht - und zwar bitte perfekt.

Lagarde ist anders. Sie will, dass ihre Botschaft begriffen wird. Heikle Fragen beantwortet sie klarer als die Kollegen anderer Regierungen. Im Gegensatz zum früheren deutschen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) provoziert sie dabei aber nicht ständig mit schrillen Tönen. Lagardes Charisma und der Mangel an passenden Kandidaten in Deutschland sind der Grund, warum die 55-Jährige gute Chancen hat, als erste Frau Direktorin des Internationalen Währungsfonds zu werden. Einzige Voraussetzung: Sie übersteht daheim ein juristisches Problem mit Skandalpotenzial.

Durchsetzungsstarke Persönlichkeit

Wenn auf den wegen Vergewaltigungsvorwürfen zurückgetretenen Dominique Strauss-Kahn eine Frau folgen würde, wäre das ein Signal. Ein Zeichen, das genauso viel über die Qualitäten Lagardes wie über die Schwächen des europäischen Kontinents aussagt. Bei allem Charme, den die ehemalige Synchronschwimmerin an den Tag legt, gilt sie als durchsetzungsstark. Der Bankerelite wusch sie in der Finanzkrise den Kopf, weil die mit ihrem Versagen die Fundamente der Wirtschaftswelt erschüttert hatte.

Und nicht zuletzt setzte sie Mario Draghi als künftigen Chef der Europäischen Zentralbank durch, indem sie der europäischen Öffentlichkeit verriet, dass der Italiener bei Deutschlands Finanzminister Schäuble hoch im Kurs steht - und das zu einer Zeit, als "Madame No", wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Ausland genannt wird, sich zu der Sache noch nicht öffentlich geäußert hatte. Überhaupt wirken Lagarde und Merkel wie die Antipoden europäischer Politik. Auf der einen Seite die Kanzlerin, die sich mit der Rettung der Euro-Zone seit Monaten lustlos herumquält. Auf der anderen Seite steht Lagarde, die nicht nur zu wissen scheint, dass die EU ihr wichtig ist, sondern der es Spaß macht, dafür zu kämpfen.

Anders als deutsche Spitzenpolitiker kennt sich Christine Lagarde aus in der Welt der Unternehmen. Nicht nur, dass die Pariserin Jura studierte, sie hat ihre Kenntnisse auch in der Wirtschaft angewendet. 1981 startete sie ihre Karriere bei der US-Anwaltskanzlei Baker & McKenzie. 1987 wurde sie dort Partnerin. Einen Namen machte sie sich in der Fusionsberatung großer Firmen - kein Gebiet ist komplizierter und zugleich lukrativer für die großen Anwaltssozietäten. 1999 wurde Lagarde dann sogar Chefin der damals zweitgrößten Kanzlei der Welt. Dass sich - zumindest in Frankreich - Familienleben und Job verbinden lassen, bewies Lagarde auch gleich noch: Die frühere Managerin ist verheiratet und hat zwei Söhne. Erst 2005 wechselte sie überhaupt in die Politik. Seit Sommer 2007 ist sie Ministerin für Wirtschaft und Finanzen.

In einen Finanzskandal verwickelt

Dass die ehemalige Unternehmensberaterin als aussichtsreichste Europäerin für den IWF-Topjob gilt, zeigt aber auch die Schwäche der anderen - allen voran Deutschlands. Denn es ist nicht nur so, dass Frankreich von den vergangenen 33 Jahren insgesamt 26 Jahre lang den IWF-Direktor stellte und damit dieses Mal nicht an der Reihe wäre. Lagarde hat auch noch ein Problem. Die Pariser Justiz prüft unter Hochdruck, ob sie sich der Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder schuldig gemacht hat. Der französische Unternehmer Bernard Tapie erhielt 285 Millionen Euro Schadenersatz, weil die einst staatliche Bank Credit Lyonnais seine Adidas-Aktien mit deutlichem Plus verkaufte, ihn aber von dem Gewinn nicht informiert haben soll. 2006 verlor Tapie vor Gericht. Unter Lagarde bekam der Unterstützer von Präsident Nicolas Sarkozy dann trotzdem Geld zurück.

Es wäre eine Blamage, wenn Europa einen Vertreter Frankreichs nominieren würde, der später über einen Justizskandal stolpert. Alternativen zu Lagarde gibt es indessen kaum - allenfalls Geheimtipps. Deutsche gehören nicht dazu, schon weil es in der hiesigen Politik verpönt ist, gute Leute für prestigeträchtige Posten auf internationaler Bühne ins Spiel zu bringen, wenn sie aus Sicht der jeweiligen Regierung gerade das falsche Parteibuch haben. Provinzielle Überzeugungstäter hierzulande überlassen lieber der ausländischen Konkurrenz das Feld, selbst wenn die juristisch keineswegs über jeden Zweifel erhaben ist.