Bildung

Die begehrten Fachkräfte sind schon hier

Der blätternde Putz in Hörsaal 2032 kann Yumi Chois Laune nicht trüben. "Ich bin hier und das ist großartig", schwärmt die 26-Jährige. Der Vizepräsident der Technischen Universität Berlin, Wolfgang Huhnt, begrüßt sie heute persönlich. "Wir haben einen hohen Anteil von ausländischen Studierenden und sind sehr stolz darauf", sagt er auf der Bühne.

Yumi Choi ist auch stolz. Stolz, in Deutschland zu studieren. Ihren Master möchte die junge Frau aus Südkorea hier machen, gerne noch den Doktor und dann ein paar Jahre hier arbeiten. "Vielleicht, wenn das am Ende überhaupt möglich ist."

An Menschen wie Yumi Choi hängt die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Davon sind Wissenschaftler und Unternehmer, Arbeitgeber- und Berufsverbände allesamt überzeugt. Es muss gelingen, mehr Studenten aus China, Russland oder auch Südkorea nach Deutschland zu locken. Vor allem muss es gelingen, sie nach ihrem Abschluss auch als Arbeitskräfte zu halten. Denn noch immer kehrt die große Mehrzahl der Absolventen dem Land nach dem teuren Studium den Rücken. In Sonntagsreden stimmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Ministerinnen für Bildung und Arbeit, Anette Schavan und Ursula von der Leyen (alle CDU), in diese Forderungen ein. Für Mitte Juni hat von der Leyen sogar einen "Fachkräftegipfel" einberufen.

Gesetzesänderungen nötig

Die nötigen Gesetzesänderungen - speziell für Universitäts-Absolventen - stehen bisher allerdings noch aus. Der Grund: Zu unpopulär in Zeiten von Sarrazin-Polemiken. So analysierte Schavan jüngst in einer internen Expertenrunde ihres Ministeriums, mit dem Thema hochqualifizierte Ausländer sei politisch derzeit kein Blumentopf zu gewinnen.

Er spiegelt die Ängste von Menschen, die ab dem 1. Mai einen regelrechten Ansturm von Zuwanderern auf den deutschen Arbeitsmarkt befürchteten. Seitdem dürfen auch Arbeitnehmer aus acht mittel- und osteuropäischen Staaten, darunter Polen, Ungarn und Tschechien, zuziehen. Experten rechnen damit, dass vor allem Facharbeiter, Handwerker und Pflegekräfte die Möglichkeit nutzen werden. Ingenieure oder Mathematiker allerdings sind auf diesem Weg kaum zu erwarten. Die hätten über erleichterte Zuzugsregeln für Hochqualifizierte schon längst ihren Weg nach Deutschland finden können.

Umso wichtiger ist es, diejenigen, die bereits hier studieren, im Land zu halten. Schon heute fehlen nach Zahlen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft bundesweit mehr als 117 000 hochqualifizierte Fachkräfte in den MINT-Fächern - das sind Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Technik. In den kommenden Jahren wird die Lücke angesichts des demografischen Wandels immer größer. Laut einer Studie werden allein in Berlin und Brandenburg in zehn Jahren 362 000 Fachkräfte fehlen."Da können wir uns noch so sehr bemühen, Inländer zu qualifizieren, ohne ausländische Absolventen werden wir diese Lücke nicht schließen", sagt Lars Funk, vom Verband deutscher Ingenieure (VdI).

Zumindest für ausländische Studenten ist Deutschland heute schon höchst attraktiv. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern kamen 2009 rund acht Prozent der Studierenden aus dem Ausland. In den Ingenieurwissenschaften waren es sogar elf Prozent. "Das Studium in Deutschland hat in China, Russland oder Latein Amerika immer noch einen exzellenten Ruf", sagt die Leiterin des Akademischen Auslandsamtes an der TU-Berlin, Carola Beckmeier. Gemeinsam mit acht anderen führenden technischen Universitäten in Deutschland wirbt die TU-Berlin weltweit um Studenten. Sie präsentiert sich auf Hochschulmessen von Taiwan bis Kanada und bemüht sich, ihren internationalen Studenten einen sanften Start zu bereiten.

Studenten wie Yomi Choi. Sie hat bereits einen Bachelor-Abschluss in Maschinenbau von der staatlichen Universität in Seoul in der Tasche. So wie einst ihr Vater macht sie jetzt das Aufbaustudium in Deutschland und fühlt sich hier in Berlin "wirklich freundlich" aufgenommen. Für immer wird sie aber wohl nicht bleiben. Irgendwann will sie die mittelständische Firma ihres Vaters in Südkorea übernehmen und dann vielleicht die Beziehungen zu Deutschland weiter ausbauen. Für eine Exportnation wie Deutschland sind auch solche Heimkehrer hochinteressant, sagt Funk vom Ingenieursverband. "Im Studium entstehen Bindungen, aus denen später Wirtschaftsbeziehungen wachsen."

Knapp 235 000 Ausländer studierten im Jahr 2009 an deutschen Universitäten. Damit belegte Deutschland nach den USA und Großbritannien Platz drei unter den beliebtesten Studienländern der Welt. Etwa jeder zehnte ausländische Studierende kam aus China, gefolgt von der Türkei, Russland und Polen. Die große Mehrzahl von ihnen verlässt allerdings mit dem deutschen Abschlusszeugnis in der Hand wieder das Land. Für hiesige Firmen, die händeringend nach Fachkräften suchen, ist die Bilanz ernüchternd. Im Jahr 2009 zählte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) weniger als 5000 Absolventen von außerhalb der EU, die zum Arbeiten blieben.

Der Grund: Die großen Hürden für den Start ins deutsche Berufsleben vermögen auch die engagiertesten Hochschulberater nicht aus dem Weg zu räumen. Den frisch gekürten Bachelor, Master und Diplom-Ingenieuren zeigt sich der deutsche Staat von seiner abweisenden Seite: Selbst wer bereits eine "seiner Qualifikation angemessene" Stelle hat, bekommt zunächst nur eine befristete Arbeitserlaubnis. Wer, wie die meisten Absolventen, erst noch Arbeit suchen muss, hat dafür zwar ein Jahr Zeit. Er darf in diesem Jahr aber über einen studentischen Minijob hinaus kein Geld verdienen.

"Wir brauchen eine positive Zuwanderung und müssen mehr ausländische Absolventen motivieren, im Land zu bleiben, sonst blutet der Mine-Bereich auf Dauer aus", sagt die Leiterin der Bildungsabteilung bei der BDA, Barbara Dorn. Die ausländischen Mine-Studenten seien für deutsche Arbeitgeber doch besonders wertvoll. "Die Qualität ihrer Ausbildung ist bekannt, sie haben über Praktika bereits Erfahrungen in der deutschen Arbeitswelt gesammelt und verfügen oft über gute Sprachkenntnisse."

Ob Yumi Choi in Berlin bleiben wird? Am Rednerpult des Hörsaals 2032 gibt die junge Frau aus Kamerun den Neuankömmlingen Tipps für ihren Studentenalltag. "Man kann sich hier wohlfühlen, wenn man die anderen respektiert", sagt sie und rät: "Versucht, mindestens zwei deutsche Freunde zu haben." Und noch eines gibt sie den neuen Erstsemestern aus Südkorea, China, Kamerun oder Vietnam mit auf den Weg: "Versucht, deutsches Essen zu mögen. Schon allein weil das auf Dauer billiger ist."