Energie

Teurer Atomausstieg für Siemens

Siemens kommt die Scheidung vom französischen Atomkonzern Areva deutlich teurer zu stehen als erwartet. Ein Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer in Paris verurteilte den Technologiekonzern wegen Vertragsverletzung zu einer Zahlung von 648 Millionen Euro zuzüglich Zinsen an den französischen Ex-Partner.

Nachdem die Trennung von Areva nun endgültig vollzogen ist, stellt Siemens sein gesamtes Atomgeschäft auf den Prüfstand. Mit dem potenziellen neuen Partner, dem russischen Staatskonzern Rosatom, will die Siemensspitze besprechen, ob ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau von Atommeilern noch eine Zukunft hat.

Für Siemens ist das Urteil von Paris eine empfindliche Schlappe, denn der Konzern muss nun seine Einnahmen aus dem Mitte März erfolgten Verkauf seiner Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen Areva NP nach unten korrigieren. Konnte sich Finanzvorstand Joe Kaeser noch kürzlich darüber freuen, das Aktienpaket von 34 Prozent für 1,62 Milliarden Euro an den französischen Staatskonzern veräußert zu haben, muss er davon nun mehr als ein Drittel abziehen.

Die Schiedsrichter hatten darüber zu befinden, welche der Parteien die Gesellschaftervereinbarung verletzt hat. Je nachdem wer Schuld hat, konnten sie einen Auf- oder Abschlag auf den Kaufpreis von maximal 40 Prozent vornehmen. Sie entschieden sich nun für den größtmöglichen Discount. Areva verwies in einer Erklärung darauf, dass die Summe dem Höchstmaß möglicher Strafzahlungen entspricht. Areva NP gehört jetzt 100 Prozent zu Areva und hat weltweit 18 000 Mitarbeiter, darunter 5300 in Deutschland. Das Geld kann Areva-Chefin Anne Lauvergeon gut gebrauchen. Areva wies Ende vergangenen Jahres eine Nettoverschuldung von 3,6 Milliarden Euro aus. Die Katastrophe im japanischen Fukushima dürfte das Staatsunternehmen zusätzlich belasten. Analysten rechnen damit, dass sich Aufträge verzögern werden.

Der Ausstieg bei Areva könnte das Ende des Atomzeitalters bei Siemens einläuten. Siemens war nach der Eingliederung der Kraftwerk Union (KWU) jahrzehntelang allein im Atomgeschäft tätig und ging 2001 die Kooperation mit den Franzosen ein. Die riefen 2009 das Schiedsgericht an, nachdem Siemens seinen Ausstieg aus Areva verkündet hatte. Siemens-Chef Peter Löscher kehrte den Franzosen den Rücken, weil Siemens die unbefriedigende Minderheitsbeteiligung nicht zu einer Kontrollmehrheit ausbauen konnte. Als neuen Partner wählte Löscher deshalb den russischen Staatskonzern Rosatom. Zwar wurde von Siemens und Rosatom bereits im März 2009 eine Absichtserklärung zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens unterschrieben. Seither hat sich jedoch, vor allem wegen des anhängigen Schiedsverfahrens, wenig getan. Siemens kündigte nun an, mit den Russen auszuloten, ob eine Atom-Partnerschaft noch Sinn ergibt.

Löscher hatte vor zwei Jahren noch von einer weltweiten Renaissance der Nuklearenergie geschwärmt und gesagt, bis 2030 könnten weltweit 400 neue Atommeiler für eine Billion Euro entstehen. Das deutsch-russische Duo, so die Überlegung, könnte auf diesem Markt neben Anbietern wie Areva, Mitsubishi und General Electric und Hitachi mitspielen.

Seit Fukushima überdenkt die Siemens-Spitze jedoch ihr Atomengagement und erwägt offenbar den Komplett-Ausstieg. Der müsste jedoch noch den Russen, die auf die Siemens-Technologie gezählt hatten, beigebracht werden.