Tepco-Chef

Japans meist gehasster Manager tritt zurück

Erst war er wochenlang unsichtbar, jetzt verschwindet Tepco-Chef Masataka Shimizu ganz von der Bildfläche. Der Top-Manager des AKW-Betreibers ist der erste Hauptverantwortliche, der im Zuge des Fukushima-Desasters zurücktritt.

"Ich übernehme die Verantwortung", sagte der mit einer blauen Arbeitsjacke bekleidete Shimizu in einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz und verneigte sich als Zeichen der Demut.

In die Unternehmensgeschichte dürfte der 66-Jährige trotzdem als Versager eingehen: Der Super-GAU und der größte Verlust eines japanischen Industrieunternehmens aller Zeiten sind mit seinem Namen verbunden. Dabei hatte Shimizu einst als Sanierer und Reformer auf dem Tepco-Chefsessel Platz genommen. Viele hofften, dass das Eigengewächs - seit seinem 23. Lebensjahr bei dem Stromkonzern - dessen berüchtigte Bunkermentalität ändern würde. Schließlich hatte Shimizu einst die PR-Abteilung von Tepco geführt. Doch in der Krise wählte Tepco das Gegenteil von Transparenz: Informationen gelangten nur scheibchenweise in die Öffentlichkeit. Wenn überhaupt.

Shimizu selbst verschwand nach der Riesenwelle für Wochen in der Versenkung und wurde so zum wohl meistgehassten Wirtschaftsmann Japans. Zunächst gab es Gerüchte, er habe sich das Leben genommen oder sei ins Ausland geflohen. Dann dementierte Tepco und erklärte, der Chef sei wegen Bluthochdruck und Schwindelgefühlen arbeitsunfähig. Die schlimmsten Tage der Krise habe Shimizu vom Krankenbett aus verfolgt.

Die Reaktionen in der japanischen Politik und Öffentlichkeit waren deutlich: Shimizus Verschwinden sei "unverständlich und unentschuldbar", sagte der Vorsitzende des japanischen Oberhauses, Takeo Nishioka. Und Ministerpräsident Naoto Kan erklärte, Shimizus Konzern sei auf Vorfälle wie Mega-Erdbeben "nur ungenügend vorbereitet" gewesen.

Kritik gab es auch am Umgang mit den Arbeitern in der AKW-Ruine, an der Kommunikation der Strahlungswerte, an schleppenden Entschädigungszahlungen. Als letzte Amtshandlung musste Shimizu nun einen Verlust von 1,25 Billionen Yen (rund 10,7 Milliarden Euro) eingestehen. Dem Konzern bleibt da nur der Versuch eines Neuanfangs: mit staatlicher Milliarden-Hilfe und ohne den verhassten Masataka Shimizu.

Bei seinem letzten Auftritt sagte Shimizu: "Wir haben beschlossen, dass die Leitung die volle Verantwortung übernehmen sollte." Die Öffentlichkeit habe das Vertrauen in die Atomenergie verloren, sagte Shimizu. Deshalb muss jetzt auch der Leiter von Tepcos Atomabteilung seinen Hut nehmen.

Shimizu soll nach der Hauptversammlung Ende Juni durch den geschäftsführenden Direktor Toshio Nishizawa ersetzt werden. Es sei sein "Schicksal, in diesen schweren Zeiten unsere Bemühungen zu leiten", sagte der künftige Tepco-Chef. Auch er entschuldigte sich für die größte Atomkatastrophe seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl vor 25 Jahren.

Der Verlust des Kraftwerksbetreibers für das abgelaufene Geschäftsjahr bis Ende März beläuft sich auf 1,25 Billionen Yen (fast elf Milliarden Euro) und ist damit der höchste eines japanischen Unternehmens außerhalb der Finanzbranche, der je verbucht werden musste. Eingerechnet sind die Kosten für die Stilllegung von vier der sechs Reaktoren von Fukushima sowie für die Reparatur von Wärmekraftwerken, deren Inbetriebnahme einen Engpass bei der Stromversorgung verhindern soll. Auch die Kosten für die Kühlung der Reaktoren und der Abklingbecken sowie für die Entsorgung von kontaminiertem Wassers wiegen schwer.

Um die Opfer von Fukushima schnell entschädigen zu können, erhält Tepco Vorauszahlungen vom Staat. Analysten zufolge könnten die Entschädigungszahlungen bis zu 10 Billionen (fast 90 Milliarden Euro) Yen erreichen.