Bundesregierung

Bahn soll Strom zum Verbraucher bringen

Die Bundesregierung lässt nach Informationen der Berliner Morgenpost prüfen, ob das Stromnetz der Deutschen Bahn AG (DB) künftig auch zur Durchleitung von Ökostrom an private und industrielle Verbraucher genutzt werden kann.

Nach einem Treffen von Vertretern der Bundesnetzagentur, des Bundeswirtschafts- und Verkehrsministeriums sowie der DB und des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) in Bonn hat man sich darauf verständigt, eine entsprechende Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. Im Rahmen der Studie sollten mögliche Trassen identifiziert, die planungsrechtlichen Voraussetzungen analysiert und die ökonomischen Auswirkungen für die beteiligten Unternehmen und für die Letztverbraucher ermittelt werden.

Bislang gelten fehlende Stromleitungen als Hauptgrund dafür, dass Strom aus den norddeutschen Windkraft-Anlagen nicht zu den Verbrauchszentren in Süddeutschland gelangt. Nach einer Studie der Deutschen Energieagentur müssten dafür 3600 Kilometer Hochspannungsleitungen neu gebaut werden. Doch Bürgerproteste verhindern bislang den Netzausbau.

Durch die Nutzung der Bahntrassen könnten Bürgerproteste vermieden werden, hofft man in der Bundesregierung. "Die Nutzung bestehender Netze hat zwei Vorteile: Sie ist wirtschaftlicher als ein Neubau und die Menschen werden nicht durch zusätzliche Trassen belastet", sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). "Wir prüfen derzeit mit allen Beteiligten, ob das bestehende Stromnetz der DB genutzt und ausgebaut werden kann, um den Strom aus regenerativen Quellen zu den Abnehmern zu transportieren."

Das Problem ist vor allem vor dem Hintergrund des Reaktorunglücks im japanischen Fukushima akut. Denn die Bundesregierung will Atom- nun vor allem durch Windkraft ersetzen. Beim Bau neuer Überlandleitungen rechnet die Regierung allerdings auch in Zukunft mit heftigem Widerstand der betroffenen Bevölkerung. Sie hofft nun, das Problem mit Hilfe des ohnehin bestehende Bahn-Stromnetzes lösen zu können. Das Hochspannungsnetz der Bahn ist mit 7800 Kilometern das zweitgrößte der Republik - nach dem des Energiekonzerns RWE.

"Die Initiative der Bundesregierung wurde von der Bahn und den Übertragungsnetzbetreibern grundsätzlich begrüßt. Allerdings wurde deutlich, dass in diesem Zusammenhang zahlreiche technische, finanzielle und rechtliche Fragen zu lösen sind", teilt die neu eingerichtete Arbeitsgruppen nach dem ersten Strategiegespräch in Bonn mit. "Gleichwohl bestand Übereinstimmung, dass es sich auf jeden Fall lohnt, die Realisierbarkeit dieser Synergieeffekte konstruktiv und umfassend zu prüfen", hieß es offiziell.

Im Bahnkonzern sieht man das Strom-Projekt allerdings noch mit Skepsis. Klar sei, dass für die Durchleitung von Haushaltsstrom aufgrund unterschiedlicher Stromfrequenzen neue Leitungen gezogen werden müssten, sagen Energieexperten der Bahn. Hinzu komme, dass die vorhandenen Masten für diese Belastungen nicht ausgelegt seien - dem Konzern entstünden also Kosten, von denen nicht absehbar sei, wann sich diese rechnen würden.

Immerhin: Durchgerechnet haben die Bahn-Planer das Projekt schon einmal. In einem internen Papier setzt die Bahn den Investitionsbedarf grob geschätzt auf "2 bis 2,5 Milliarden Euro" an, wenn ihre Masten auf die geforderte Weise ertüchtigt werden sollten. Dabei handelt es sich um einen vergleichsweise geringen Preis, um das deutsche Ökostrom-Problem zu lösen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft jedenfalls hatte die nötigen Investitionen in den deutschen Netzausbau bis zum Jahr 2020 auf 40 Mrd. Euro beziffert.

Dass die Bahn die günstigste Variante zum Ausbau des Stromnetzes ist, weckt im Konzern wenig Begeisterung. Warum sollte man in ein Geschäft einsteigen, bei dem man bislang die Rentabilität nicht kenne, fragen die DB-Manager. Es hänge letztlich von der Höhe der Durchleitungsgebühren ab, und die werden von der Bundesnetzagentur gedeckelt. Zudem ist es im Bahn-Vorstand umstritten, ob man sich überhaupt auf ein neues Geschäftsfeld wie die Durchleitung von Energie einlassen sollte.

Befürworter argumentieren, dass die Planungsverfahren für den Ausbau der DB-Trassen deutlich weniger aufwendig seien, als jene für den Bau neuer Überlandleitungen. Im Bahn-Konzern will man daran nicht glauben. Die Stromleitung des Schienenunternehmens reichen bis in die Innenstädte, laufen also quer durch dicht besiedeltes Gebiet. "Sie glauben doch nicht, dass Planfeststellungsverfahren für Änderungen an den Stromtrassen in den Innenstädten eine einfache Angelegenheit sind", sagt ein Bahnmanager.

"Die Nutzung bestehender Netze ist wirtschaftlicher als ein Neubau"

Peter Ramsauer, Verkehrsminister