Energiepolitik

Das kostet der Atomausstieg wirklich

Die Kosten der Atomwende werden in diesen Tagen heiß diskutiert. Inzwischen kursieren viele Zahlen und Summen - in Umlauf gebracht von Bundesministerien, Instituten und Lobbygruppen. Zwei Milliarden pro Jahr, drei Milliarden pro Jahr, 200 Milliarden für die gesamte ökologische Energiewende? Teilweise ist sogar von Strompreisanstiegen in den kommenden zehn Jahren zwischen 80 und 100 Prozent die Rede. Doch keiner dieser Schätzwerte ist bislang wissenschaftlich belegt worden.

Das ändert sich nun: Im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Industrie (BDI) hat das Beratungsunternehmen r2b energy consulting die Auswirkungen eines raschen Ausstiegs aus der Kernenergie bis zum Jahr 2017 berechnet. Die Studie liegt der Berliner Morgenpost exklusiv vor. Ergebnis: Für die Verbraucher wird es viel teurer als bislang angenommen. Die Kosten der ökologischen Energiewende, wie sie bislang von der Bundesregierung geplant war, würden sich mehr als verdoppeln. Während sich die politische Debatte nur um die Belastungen für den privaten Verbraucher dreht, zeigen die Berechnungen des unabhängigen Kölner Instituts, dass es eher die Industrie ist, die den Löwenanteil der Kosten schultern müsste. Vor allem die energieintensiven Branchen müssen in Zukunft mit deutlich höheren Energiekosten zurechtkommen.

Die Wissenschaftler haben die Effekte eines raschen Atomausstiegs bis Ende 2017 mit den erwartbaren Auswirkungen des bisher gültigen Energiekonzeptes der Bundesregierung verglichen. Zugrunde gelegt hat r2b dabei das derzeit radikalste politische Ausstiegsszenario: das von Bündnis 90/Die Grünen. Es sieht vor, dass die sieben übergangsweise abgeschalteten Atomkraftwerke auch nach dem Auslaufen des dreimonatigen Moratoriums nicht wieder ans Netz gehen. Danach, ab dem 31. Dezember 2017, sollen nach den Vorstellungen der Grünen alle übrigen Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Dieser schnellstmögliche Atomausstieg hat nach den Berechnungen zur Folge, dass ein typischer deutscher Haushalt mit 3500 Kilowattstunden Stromverbrauch im Jahr 2018 rund 137 Euro mehr zahlen muss. Die jährliche Belastung eines Haushaltes steigt also von derzeit durchschnittlich rund 840 Euro im Jahr auf 977 Euro. Die Summe setzt sich zusammen aus den zu erwartenden Strompreis-Steigerungen, die sich aus dem ohnehin schon ambitionierten nationalen Energiekonzept ergeben - plus der Zusatzkosten des schnelleren Atomausstiegs bis Ende 2017. Schon die Kosten des Energiekonzepts belaufen sich der Studie zufolge auf rund 84 Euro pro Jahr und Haushalt. Durch den Atomausstieg kommen noch einmal 53 Euro hinzu, sodass die Gesamtbelastung aus Atomausstieg und Energiewende für den Haushalt im Jahr 2018 insgesamt 137 Euro beträgt. Die jährlichen Zusatzbelastungen des privaten Verbrauchers summieren sich allein durch den schnelleren Atomausstieg bis 2020 auf insgesamt 9,2 Milliarden Euro.

Wesentlich stärker würde aber die Wirtschaft zur Kasse gebeten: Bei Industrie und Gewerbe würde der Turbo-Ausstieg aus der Atomkraft mit insgesamt 23,5 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Hinzu kommen noch die 18,4 Milliarden Euro, die schon das bisherige nationale Energiekonzept an Zusatzkosten verursacht. "Insgesamt werden deutsche Stromkunden von 2012 bis 2020 direkt mit 51,1 Milliarden Euro mehr belastet", heißt es in der wissenschaftlichen Studie: "Davon machen alleine die Kosten für einen schnelleren Kernenergieausstieg 32,7 Milliarden Euro aus."

Gerade die energieintensive Industrie könnte so über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus belastet werden. Denn schon durch das nationale Energiekonzept wird ein typischer Gewerbekunde mit zwei Gigawattstunden Stromverbrauch im Jahr 2018 mit rund 50 000 Euro mehr belastet. Kommt noch der vorgezogene Atomausstieg hinzu, steigt die Belastung für den Betrieb um weitere 22 000 Euro auf dann 72 000 Euro. Ein größerer Industriekunde mit beispielsweise 24 Gigawattstunden Verbrauch, dessen Belastung nach dem Energiekonzept bis 2018 ohnehin um 180 000 Euro steigen würde, müsste für den Atomausstieg zusätzlich Kosten von 400 000 Euro schultern und damit insgesamt 580 000 Euro im Jahr mehr bezahlen.

Die Wissenschaftler sind bei ihren Berechnungen davon ausgegangen, dass der Ökostrom-Anteil wie geplant bis zum Jahr 2020 auf 35 Prozent steigt, und dass die Netzausbau-Ziele, wie sie von der Deutschen Energieagentur errechnet wurden, erreicht werden.

Zu den weiteren Effekten des schnellen Atomausstiegs gehört laut Studie, dass Deutschland ab 2018 zum Netto-Stromimporteur wird. Die deutschen Stromexporte sinken dann um 44 Milliarden Kilowattstunden, sodass im Saldo 18 Milliarden Kilowattstunden importiert werden müssen. Die Hälfte des wegfallenden Atomstroms würde durch Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken ersetzt werden müssen.

Und damit wird - neben den höheren Kosten für die alternative Erzeugung - auch das zweite Teuerungs-Problem offenbar. Denn das Comeback von Gas und Kohle erhöht die CO2-Emissionen der Energiewirtschaft deutlich. Diese würden im Vergleich zum Energiekonzept deutlich, nämlich um 62 Millionen auf 282 Millionen Tonnen steigen und die Kosten des Klimaschutzes sich gegenüber heute auf 37 Euro pro Tonne CO2 mehr als verdoppeln. Gegenüber dem Preisanstieg, wie er nach dem Energiekonzept ohnehin erwartet wurde (25 Euro pro Tonne), wäre das eine zusätzliche Kostensteigerung um rund 50 Prozent.