Ausbildung

Zur Lehre nach Deutschland

In ihrem Büro stapeln sich schon wieder die Mappen. Brigitte Kehrel hat mal kurz reingeschaut und weiß: Es ist wie in den Jahren davor. "Nur wenige Bewerbungen sind qualitativ ausreichend", sagt sie. Da hat kaum einer eine Chance, bei ihr eine Lehre zu beginnen. Kehrel ist eine kleine energische Frau, die schnell auf Betriebstemperatur kommt.

Dann werden ihre Augen größer, ihr Zeigefinger fährt abgewinkelt auf die Tischplatte und unterlegt ihre Botschaften mit dumpfen "Klocks" in schnellem Takt. "Industrieelektriker mit vieren oder fünfen in Mathe? Nix da." Klock. Gut, dass gerade Bartosz und Bartosz bei ihr arbeiten.

Der eine Bartosz ist blond und trägt den Zungenbrecher Przybyza als Familiennamen. Der andere Bartosz hat dunkle Haare, sein Nachname lautet Barbarowicz. Beide kommen aus der Kleinstadt Zielona Góra, besuchen dort das örtliche Technikum. Jetzt, im April 2011, stecken sie in den Blaumännern mit dem Firmenlogo von Starz Elektrotechnik aus Großräschen. Sie sind Praktikanten, lernen den Betrieb kennen, bauen Kabelbäume zusammen, und Brigitte Kehrel haben sie schon nach zwei Wochen überzeugt. "Die können bei mir als Lehrlinge anfangen." Entweder als Industrieelektriker, dauert zwei Jahre. Oder als Betriebselektroniker; dafür muss man drei Jahre lernen. Polnische Lehrlinge - vom 1. Mai an ist das in Deutschland möglich.

Seit Monaten schon bereiten sich Unternehmer, Kammern und Verbände vor. Kaum eine Region sehnt den Beginn der Arbeitnehmerfreizügigkeit so herbei wie der Osten Deutschlands mit seinen langen Grenzen zu Polen und Tschechien - Gegenden wie der Landkreis Oberspreewald-Lausitz mit Großräschen. Es sind Landstriche, aus denen viele Leute wegziehen und wo die Unternehmen Sorgen haben, wie sie im Westen der Republik nach Prognosen der Demografen erst in 20 Jahren auftreten.

"Vergesst uns nicht!"

"Vergesst uns nicht, wenn Ihr was mit Polen macht", hatte Brigitte Kehrel der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus zugerufen. Ihr Ruf wurde gehört. Bartosz und Bartosz wurden ihrem Betrieb zugewiesen. Sie gehören zu den 100 jungen Polen, die seit Anfang April in 15 Unternehmen Südbrandenburgs als Praktikanten unterwegs sind. Eingefädelt wurde das mit dem polnischen IHK-Pendant aus Zielona Góra. Das Interesse bei Jugendlichen in Polen sei groß, sagt Bartosz Przybyza. "Arbeiten in Deutschland, natürlich." Mit einem Augenzwinkern schickt er hinterher: "legalny" - legal.

Als die EU 2004 um osteuropäische Staaten wie Polen, Tschechien, Ungarn und die baltischen Länder erweitert wurde, fürchtete Deutschland die große Welle der Arbeitskräfte und nutzte die Übergangsfristen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit voll aus. Darum dürfen Osteuropäer erst 2011 auch ganz legal in Deutschland angestellt werden. Redet man mit Wirtschaftsvertretern im Osten Deutschlands, dann sagen sie, dass diese Abschottung ein Fehler war. Mittlerweile boomt die Wirtschaft in vielen osteuropäischen Ländern. Löhne und Gehälter sind gestiegen. Gerade den ostdeutschen Ländern hätte es gut getan, wenn sie angesichts ihrer demografischen Sorgen schon viel früher polnische oder tschechische Jugendliche umworben hätten.

Denn dem Osten kommt der Nachwuchs abhanden. Im Land Brandenburg verließen 2003 noch 35 000 Jugendliche die Schule. derzeit sind es rund 19 000. Ähnlich dramatisch sind die Rückgänge in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Selbst Berlin, wo die Stadtbevölkerung seit Jahren wieder wächst, hat Probleme. Verließen dort vor zehn Jahren noch 37 000 junge Menschen die Schule, sind es jetzt rund 30 000. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz gab es 2007 noch 1973 Schulabgänger. Im nächsten Jahr werden es wohl nur 1026 sein.

Zwar erlebte auch die ostdeutsche Wirtschaft nach der Wende einen beispiellosen Niedergang, doch die Betriebe, die sich im Osten behauptet haben, sind recht robust, so wie Starz in Großräschen. Und sie müssen sich jetzt richtig strecken um für ihre Fabrikhallen und Büros Nachwuchs zu bekommen. 170 Leute arbeiten für Starz. Das Betriebsgelände liegt am Rand der Kleinstadt auf einem Industrieareal. Hier gibt es noch ein paar Betriebsruinen der untergegangenen DDR und den herausgeputzten Firmensitz von Starz. Die bauen und entwickeln hier vor allem Kabelbäume, die dann in Mähdreschern, Baumaschinen und Löschfahrzeugen für die Feuerwehr eingebaut werden.

Starz ist ein klassischer Zulieferer. Ständig unter Druck, auf Anforderungen von Herstellern wie dem Mähdrescher-Bauer Klaas zu reagieren. Billiger, weniger Fehler, Neuentwicklungen und immer flexibel sein. In der Nähe von Posen in Polen hat Starz ein weiteres Werk mit 150 Mitarbeitern. "Ohne die Produktion in Polen könnten wir den Wettbewerb nicht bestehen", sagt Kehrel. Derzeit überlegen sie und ihr Mann, ob sie ein Werk in Alexandria in Ägypten aufbauen - trotz der Wirrnisse nach der Revolution. "Für unser Näschen läuft das nicht schlecht", sagt Kehrel.

Kehrel und ihr Mann, beide aus dem Badischen, kauften die Firma vor knapp zehn Jahren. Einen Kredit von zehn Millionen Mark nahmen sie damals auf. Hoch verschuldet, gerade einmal drei Monate verheiratet, in einem fremden Landstrich. So stiegen sie als Unternehmer in eine Branche ein, in der man unglaublich viel Biss braucht. Kehrel hat ihn.

Wenn sie über das Thema Ausbildung redet, hört man ganz schnell wieder das "Klock" ihres Zeigefingers. Bei Starz brauchen sie zum Beispiel Industriekaufmänner und Mechatroniker. "Nach meinen Erfahrungen packt kaum ein Zehntklässler diese anspruchsvollen Lehrberufe", sagt Kehrel. Aber gerade die Abiturienten aus dem Landkreis Oberspreewald-Lausitz zieht es nicht in einen Lehrbetrieb, sondern schnell fort nach Berlin, München oder Hamburg zum Studium.

Aber da Brigitte Kehrel zu jenem Schlag Mensch gehört, die das Wort Entmutigung nicht im aktiven Wortschatz führen, kümmert sie sich. Sie organisiert Fortbildungen für Lehrer in ihrer Firma. Diese wiederum überzeugen dann die Jugendlichen. "Denn die Eltern bieten ihren Kindern ja kaum noch Berufsorientierung." Trotzdem ist es beschwerlich und deswegen wäre es für Starz nicht schlecht, wenn künftig noch mehr Jungs wie Bartosz und Bartosz von jenseits der Grenze kämen.

10 000 unbesetzte Stellen

In allen ostdeutschen IHK und Handwerkskammern werkelt man an Projekten mit Polen. Das Handwerk in Cottbus hat Geld aus einem EU-Geldtopf bekommen, und bildet von September an 21 polnische Lehrlinge als Friseur oder Fleischer aus. Im vergangenen Jahr drängelten sich deutsche Betriebe auf der Ausbildungsmesse in Stettin. Handwerkspräsident Otto Kentzler hat schon im Sommer 2010 die Losung ausgegeben: Holt Lehrlinge aus Osteuropa. Das Handwerk in Deutschland konnte Kentzler zufolge 10 000 Stellen nicht besetzen.

Bartosz und Bartosz müssen nur noch eine Hürde meistern: die deutsche Sprache. Aber das, sagt Brigitte Kehrel, bekommen die Jungs schon hin. Man wird ihnen einen Intensivkurs verpassen. Wichtig st nur, dass sie sich Mühe geben. Allen Lehrlingen macht Kehrel klar: "Wir sind hier keine Erziehungsanstalt."