E-Commerce

Geldverdienen mit YouTube

Gigantische Roboter marschieren in Uruguays Hauptstadt Montevideo ein und hinterlassen eine Schneise der Zerstörung. Im Stadtzentrum angekommen, sprengen sie mehrere Gebäude und anschließend sich selbst in die Luft.

Eine riesige Feuersbrunst vernichtet alles Leben. Keine fünf Minuten dauert der Film "Ataque de Pánico!", Panikattacke. 6,5 Millionen Mal wurde das düstere Szenario auf Googles Videoplattform YouTube bisher angesehen. Ein Hit.

Er habe den Kurzfilm "an einem Donnerstag hochgeladen, und am Montag war meine Mailbox voll mit E-Mails von Hollywood-Studios", sagt Fede Alvarez. Gekostet hat "Ataque de Pánico!" gerade mal 300 Dollar (208 Euro). Kurz darauf legte "Spider-Man"-Produzent Sam Raimi dem Uruguayer sein Angebot für die Produktion eines weiteren Films vor. Das Produktionsbudget dieses Mal war ungleich größer: 30 Millionen Dollar.

Weltweit laden Millionen von Videoproduzenten ihre Werke auf YouTube hoch in der Hoffnung auf einen eigenen Hit - und möglicherweise ein Angebot aus Hollywood. Jede Minute landen im Schnitt mehr als 35 Stunden Filmmaterial auf YouTube, täglich ergeben sich so aneinandergereiht Videos mit einer Gesamtdauer von fast sechs Jahren. Zwei Milliarden dieser Filme werden Tag für Tag abgerufen. Die meisten von ihnen erreichen nie eine dreistellige Zahl von Zuschauern.

Doch einigen Clips gelingt der Durchbruch. Zu den bekanntesten YouTube-Stars gehört der kanadische Sänger Justin Bieber. Seine Karriere begann mit einem selbst erstellten Video auf YouTube, wo ein Produzent den 17-Jährigen entdeckte. Inzwischen ist sein Musikvideo "Baby" mit mehr als einer halben Milliarde Abrufen das erfolgreichste auf YouTube.

Auch Deutschland hat seine YouTube-Könige. Die beiden Russlanddeutschen Dimitri (Dima) und Alexander (Sascha) Koslowski machen sich mit erkennbarem Akzent als DieAussenseiter über alles und jeden und sogar sich selbst lustig, geben Tipps, wie man zum Außenseiter wird und wie man sich garantiert erfolglos an die Angebetete heranmacht. Das YouTube-Publikum ist restlos begeistert: Die inzwischen 184 Videos der beiden wurden fast 190 Millionen Mal abgerufen.

YouTube braucht Videoproduzenten wie DieAussenseiter. Über Jahre hinweg hat der Suchmaschinenkonzern Google in seine Videoplattform investiert, ohne damit Gewinn zu machen: Viele Unternehmen schreckten lange Zeit davor zurück, professionelle Werbung in wackeligen Amateurvideos zu schalten. Google weist in seiner Bilanz zwar keine Zahlen zu YouTube aus, aber Beobachter gehen inzwischen davon aus, dass die Videoplattform kurz davor steht, profitabel zu werden. Citigroup schätzt den YouTube-Umsatz im vergangenen Jahr auf 825 Millionen Dollar, im laufenden Jahr sollen es 1,3 Milliarden Dollar werden.

An Werbeeinnahmen beteiligt

Einen Teil davon schüttet YouTube an die Videoproduzenten aus. Mehrere Hundert Partner sollen weltweit jährlich einen sechsstelligen Betrag verdienen. In Deutschland sei die Ausschüttung im vergangenen Jahr um mehr als 200 Prozent gestiegen, schätzen Analysten. Die Zahl der deutschen Partner, die jährlich einen fünfstelligen Betrag verdienten, habe sich demnach versiebenfacht. Als Faustregel gilt: Wer regelmäßig mit seinen Videos mehr als eine Million Abrufe schafft, verdient mehrere Tausend Euro im Monat.

Mit Abonnements hat YouTube das Prinzip der Stammkunden auf sein Portal übertragen. YouTube-Nutzer können nun Videokanäle abonnieren. Steht ein neues Video bereit, werden alle Abonnenten benachrichtigt. DieAussenseiter kommen inzwischen auf 585 000 Abonnenten. Werbung bei YouTube gibt es als Banner auf der Website, als Schrifteinblendung im Video oder als kurzen Werbefilm vor dem eigentlichen Video.

"Man kann von YouTube leben", sagt Albert Bruhn. Der 25-jährige steht mit gut 290 000 Abonnenten für seinen Kanal Albertoson auf Platz drei der am häufigsten abonnierten Kanäle in Deutschland. Bei YouTube lehrt der Hamburger unter anderem das Beatboxen, bei dem er mit Mund, Nase und Rachen allerlei Musikinstrumente imitiert. Sein Tipp an alle Videoproduzenten: "Wenn die Leute euch cool finden, dann habt ihr es geschafft."

Alle Videoproduzenten auf YouTube sind sich in einem Punkt einig: Eine Geheimformel für das erfolgreiche Video gibt es nicht. "Ich kann zumindest verraten, dass meist Videos erfolgreich sind, die überraschen, lustig sind und den Zuschauer berühren", sagte YouTube-Gründer Chad Hurley der "Welt am Sonntag". Gefühle spielten auch immer eine große Rolle. Warum allerdings ein Clip 360 000 Abrufe hat, der zeigt, wie man richtig strickt, ist so kaum zu erklären.

Der ärgste Feind des Videoportals ist gleichzeitig sein größter Förderer: das Fernsehen. Viele YouTube-Produzenten grenzen sich bewusst von klassischen Fernsehproduktionen ab. Cartoon-Zeichner Ralf Ruthe (38) zum Beispiel hat mit Fernsehproduktionsfirmen schlechte Erfahrungen gemacht. "Ich bin am Ende nicht zum Fernsehen gegangen, weil dort jede Menge Leute mitredeten und mir in mein Werk hineinpfuschen wollten." Bei YouTube demgegenüber ist der Bielefelder sein eigener Herr. Mehr als acht Millionen Mal wurden die kurzen Zeichentrickfilme in seinem YouTube-Kanal Koalakombat bereits angesehen.

Auch Online-Talkmaster Christoph Krachten zieht es immer häufiger zu YouTube, obwohl der Kölner nach wie vor für große TV-Sender produziert. Wohin die Reise geht, ist für den 47-Jährigen, der sich selbst "YouTube-Opa" nennt, klar: "Im Gegensatz zum Fernsehen hat YouTube eine Perspektive." In seinem Kanal Clixoom interviewte Krachten deutsche Prominente wie die Sängerin Lena Meyer-Landrut oder den Schauspieler Uwe Ochsenknecht. Seine Einstiegsfrage "Wie ist die Lage?" ist auf YouTube inzwischen Kult, Clixoom zählt mehr als 160 000 Abonnenten und 40 Millionen Abrufe. "YouTube-Videos erreichen Dimensionen, nach denen sich manche TV-Sender die Finger lecken würden", sagt Krachten.

Fernsehsender ärgern sich über die Online-Konkurrenz, weil Werbeausgaben zunehmend ins Online-Geschäft fließen. Was das für die Zukunft bedeutet, zeigt eine aktuelle Studie der Mediaagenturgruppe ZenithOptimedia. Demnach werden in zwei Jahren die Ausgaben für Internetwerbung in Deutschland erstmals die für Fernsehwerbung übertreffen. Knapp 4,6 Milliarden Euro würden dann Online-Angebote allein in Deutschland einnehmen, die TV-Sender kämen der Untersuchung zufolge nur auf knapp 4,3 Milliarden Euro.

"Die gesamte Unterhaltungsindustrie steckt in ihrem größten Umbruch", sagt YouTube-Manager Andreas Briese. YouTube habe den Weg revolutioniert, wie Talente heute entdeckt würden, sagt er. Bestes Beispiel: Marti Fischer imitiert in seinem Kanal auf YouTube prominente Deutsche, darunter Fußball-Legende Franz Beckenbauer und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Der YouTube-Community hat's gefallen, der heute 20-jährige Student aus Salzgitter wurde zum Sieger beim YouTube-Wettbewerb Secret Talent 2010 gekürt. Inzwischen hat auch das Fernsehen bei ihm angeklopft.

Im Bild Die Morgenpost bei Youtube www.youtube.com/morgenposttv

Meistgelesene