Nahverkehr

Bombardier lässt Straßenbahn ohne Oberleitung fahren

Rund um den Alexanderplatz werden die Straßen erneuert, die Gebäude um den Platz sind herausgeputzt, die Fläche ist neu gepflastert - aber mittendurch läuft die Oberleitung der Straßenbahn und stört das Stadtbild. Es geht eben nicht ohne ein Netz von Leitungen quer über den Straßen und Plätze, wenn eine Stadt wie Berlin auf die umweltfreundliche Tram setzt - oder besser: Es ging nicht anders.

Denn diese Woche stellt der Bahntechnikhersteller Bombardier das vor, woran die Branche seit langem arbeitet: ein System für Bahnen und Busse, die sauber und lautlos mit Elektromotoren fahren und eben keine Drähte, Stromschienen und Abnehmer mehr benötigen.

Bombardier hat eine Straßenbahn entwickelt, die den Strom aus dem Gleisbett aufnimmt. Primove heißt das System der kontaktlosen Stromübertragung, es funktioniert über unterirdische Kabel, die unter den Trassen liegen. Fährt die Tram über die Leitung, entsteht ein magnetisches Feld, das der Zug mit einer Spule am Unterboden aufnimmt. Ein teurer Energiespeicher, das Hauptproblem derzeit bei der Entwicklung zum Beispiel von Elektroautos, ist nicht nötig. Denn die geladene Energie der Tram wird sofort verbraucht.

Konkurrent Alstom hat ein ähnliches Prinzip entwickelt, das bereits in Bordeaux in Betrieb ist. Dort fahren die Straßenbahnen zumindest teilweise oberleitungsfrei, den Strom nehmen sie von einer Mittelschiene im Gleisbett auf, die nur mit Spannung versorgt wird, wenn der Zug sie abdeckt. "Der Vorteil unseres Systems ist, dass es sicherer ist, weil an der Oberfläche kein Strom fließt", sagt Harry Seiffert, Product Director Primove bei Bombardier. Die neue Stromtechnik sei zudem nicht nur ein Gewinn fürs Stadtbild, sondern robust, auch bei Schnee und Eis, heftigem Regen oder Verunreinigungen durch Salz oder Sand einsetzbar und zudem wartungsfrei.

Das Problem sind allerdings die Kosten. Städte, die auf Primove umsteigen wollen, müssten die Oberleitungen abbauen, dann das Gleisbett aufreißen. "Es ist möglich, Fahrzeuge umzurüsten und Kabel unter bestehende Trassen zu legen, aber günstig ist es nicht", sagt Seiffert. "Primove eignet sich daher am besten bei Neubauprojekten, oder wenn Strecken erweitert werden."

Nun gibt es nicht gerade viele Städte mit Plänen für neue Tramlinien in schönen Innenstadtlagen, Leipzig ist da eher eine Ausnahme. Interessant wird die Bombardier-Entwicklung jedoch, weil auf den Trassen mit den Induktionsschleifen auch Busse fahren könnten, sofern die Schienen im Boden eingelassen sind. Tram und Elektrobusse könnten sich also aus derselben Stromquelle bedienen. Lohnend ist das für Städte, die auf beide Verkehrsträger setzen.

In Augsburg fährt auf einer nur zeitweise genutzten Nebenstrecke bereits eine Bombardier-Bahn, die Strom aus dem Boden saugt, im belgischen Lommel ein entsprechender Bus. Nach derzeitigen Plänen soll in rund zwei Monaten in Augsburg eine erste Strecke für Busse und Bahnen in Betrieb gehen. Bombardier hofft in diesem Jahr auf die ersten Aufträge für Primove.