Green Economy

Wowereit punktet bei der Industrie

Besonders gut läuft es für Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, derzeit nicht. In Umfragen zog die CDU an seiner SPD vorbei, von Lustlosigkeit und Dissonanzen in der rot-roten Koalition ist die Rede.

Gestern konnte Wowereit jedoch bei einer Klientel punkten, die ihn bislang sehr skeptisch beäugte: Berliner Industriemanager und Unternehmerlobbyisten. "Endlich hat er es kapiert", entfuhr es der Sprecherin eines großen Berliner Unternehmens. Wowereit gilt spätestens seit gestern mit seiner Rede auf der 3. Berliner Wirtschaftskonferenz zum Thema "Green Economy" als ernsthaft interessiert am Industriestandort Berlin.

Seit Jahren kämpfen Gewerkschaften, Firmen sowie Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Unternehmensverbände Berlin Brandenburg (UVB) für ein Comeback der Hauptstadt als Industriestandort. Das Ringen um Wowereits Aufmerksamkeit ist Teil dieses Kampfes. Denn die Industrie mit ihren rund 100 000 Vollzeitarbeitsplätzen in der Stadt fühlte sich stiefmütterlich behandelt, wenn Wowereit beispielsweise die Kreativbranche lobte und ihre Events mit seiner Anwesenheit adelte.

"Es ist gut, wenn wir in Berlin wieder über Industriepolitik und neuen Wohlstand durch Industrie sprechen", war so ein Satz, mit dem Wowereit punktete. Auch sein Plädoyer, auf dem Gelände des Flughafens Tegel nach dessen Schließung 2011 einen Industriepark für umweltfreundliche Technologien einzurichten, kam gut an. Damit griff Wowereit eine Forderung der IHK auf, was deren Präsidenten Eric Schweitzer sichtlich freute.

Wowereits Zuneigung hat sich die Berliner Industrie verdient. Nach dem Untergang der Kombinate im Osten und dem Ende der Westberliner Subventionswirtschaft haben sich die Unternehmen inzwischen berappelt. Viele kleinere und mittlere Betriebe konzentrieren sich auf Zukunftstechnologien. Dazu zählt all das, was neudeutsch unter "Green Economy" gelistet wird, also alternative Fahrzeugantriebe, Solar- und Windenergie sowie energieeffiziente Fertigungstechnologien.

Grünes Wachstum

Rund ein Drittel der Berliner Industriearbeitsplätze, rund 28 000, sind bereits im Feld der "grünen Industrie" angesiedelt. Und es sollen noch viel mehr werden. Die Chancen dafür stehen gut, sagte etwa Siemens-Chef Peter Löscher auf der Wirtschaftskonferenz im Roten Rathaus. Er lobte den "Green Economy"-Kurs des Senats und sagte: "Berlin ist absolut im Trend." Die Hauptstadt biete eine hervorragende Basis für klimafreundliche Technologien.

Löschers eigenes Unternehmen ist dafür ein gutes Beispiel. In Berlin will Siemens unter anderem wichtige Teile für das Solar-Großprojekt Desertec fertigen lassen. Neben dem Industrieriesen gibt es zahlreiche junge Firmen, wie die Solarunternehmen Inventux und Sulfurcell, die in der neuen "Green Economy" punkten.

Zugute kommt der Hauptstadt zudem ihre Wissenschafts- und Forschungslandschaft. 25 Einrichtungen - von der TU bis zum Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie - listet eine Broschüre zur Wirtschaftskonferenz auf. Allerdings läuft die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch längst nicht befriedigend, wie Schweitzer und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) deutlich machten. "Auf einer Skala von eins bis zehn sind wir vielleicht bei vier", sagte Schweitzer. Vor zehn Jahren hätte man aber noch bei "eins" gestanden. "Hier sind wir, die Wirtschaft, aber auch gefordert, dies zu verbessern", sagte Schweitzer. Insgesamt räumt er Berlin gute Chancen ein, zum "grünen Leuchtturm" zu werden.

"Netzwerke bilden" - das hält Wirtschaftssenator Wolf für den wichtigsten Anstoß, den die Politik geben kann. Das bedeute beispielsweise, Unternehmen und Universitäten zusammen zu bringen und Firmengründungen aus Instituten zu fördern. Auch Wolf betonte immer wieder die "guten Chancen" Berlins. Und Wowereit kann sich sogar einen Fuhrpark mit Elektroautos für öffentliche Einrichtungen vorstellen. Allerdings schränkte er ein, dass das Angebot "kostenneutral" sein müsse.