Interview

"Wir brauchen in Berlin deutlich mehr Neubauten"

Als Chef der Investitionsbank Berlin (IBB) kämpft Ulrich Kissing um private Investoren und setzt auf Wachstum durch viele kleine Pflänzchen: Dafür wäre ein wenig mehr Aufgeschlossenheit gegenüber Industrie, Unternehmertum und Investoren in der Stadt nicht verkehrt, erklärt der 54-Jährige im Gespräch mit Hans Evert. Mit Blick auf günstigen Mietraum dagegen plädiert Kissing für zusätzliche staatliche Unterstützung.

Berliner Morgenpost: Herr Kissing, angenommen, ich wollte in Berlin ein Unternehmen gründen. Zu welcher Branche würden Sie raten, und was müsste ich tun, um von Ihrer Bank Fördermittel zu bekommen?

Ulrich Kissing: Mir fällt es schwer, eine Branche besonders herauszuheben. Wichtig ist, dass Sie ein klares Konzept haben und uns von Ihren Fähigkeiten als Unternehmer überzeugen. Ist das gegeben, bekommen Sie zum Beispiel zügig einen Mikrokredit bis maximal 25 000 Euro. Brauchen Sie mehr Geld, steigen die Anforderungen natürlich. Aber im Grundsatz geht es immer um ein schlüssiges Konzept und eine überzeugende Persönlichkeit.

Berliner Morgenpost: Wie viele Unternehmen haben Sie denn 2010 unterstützt?

Ulrich Kissing: Wir haben 278 Mikrokredite vergeben, 204 davon an Gründer. Das sind knapp 40 Prozent mehr Kleinstgründungen als im Vorjahr, und das Volumen stieg von 1,5 auf 3,2 Millionen Euro. Insgesamt haben wir in 2010 mit einem Darlehensvolumen von 60,6 Millionen Euro 588 Gründungsvorhaben in Berlin finanziert.

Berliner Morgenpost: Die IBB beteiligt sich ja auch direkt an vielversprechenden Neugründungen. Stehen deren Chancen jetzt besonders gut?

Ulrich Kissing: Wir haben bei Technologie- und Kreativunternehmen im vergangenen Jahr 13 neue Finanzierungsrunden erfolgreich abgeschlossen und bei elf bestehenden Beteiligungsunternehmen weitere Finanzierungsrunden begleitet. Dabei agieren wir hier immer zusammen mit Privatinvestoren, denn es ist ja gerade auch unser Ziel, private Investitionen in Berlin zu initiieren. Dabei entwickeln sich diese Unternehmen insgesamt positiv und schaffen zusätzliche Wachstumsimpulse. Und das brauchen wir in Berlin auch. Wir haben kaum große Unternehmen. Deswegen müssen wir kontinuierlich kleine Pflänzchen setzen, in der Hoffnung, dass größere Bäume daraus wachsen.

Berliner Morgenpost: Um in Ihrem Bild zu bleiben: Die großen Bäume stehen ja auch in Hochtechnologiebranchen in anderen Städten. Das hat eine Studie Ihres Hauses gezeigt. Wie kann Berlin den Rückstand aufholen?

Ulrich Kissing: In dieser Studie kommt aber auch heraus, das Berlin in den Zukunftsfeldern die größte Dynamik hat, vergleicht man die größten deutschen Metropolen. Aber es ist nun mal so: Berlin ist in vielen Punkten wirtschaftlich hinten dran. Das ist ein historisches Erbe, an dem wir nichts ändern können. Wir müssen es schaffen, auf Dauer schneller als andere Städte zu wachsen.

Berliner Morgenpost: Nun rühmt sich die Stadt gern ihrer Wissenschaftslandschaft. Aber müsste von den Unis nicht mehr kommen, mehr Unternehmensgründungen mit Ihrer Unterstützung?

Ulrich Kissing: Sicherlich kann man im Rahmen der Gründungsförderung theoretisch immer mehr machen. Aber gerade wenn es um Beteiligungen an jungen Technologiefirmen geht, brauchen wir Kapital von privater Seite. Da können wir als IBB einen Anstoß geben, indem wir uns mit daran beteiligen. Was wir brauchen, ist Folgendes: Um mehr Privatinvestoren in die Stadt zu locken, benötigen wir Aufgeschlossenheit gegenüber Industrie, Unternehmertum und Investoren.

Berliner Morgenpost: Mangelt es daran in Berlin?

Ulrich Kissing: Da wäre sicherlich noch das eine oder andere zu verbessern. Aber in der Mentalität hat sich etwas getan. Das schlägt sich auch in Wachstumsraten nieder. Wir erwarten drei Prozent Wirtschaftswachstum für 2010 und 2,5 Prozent in diesem Jahr. Damit setzen wir den Aufholprozess fort. Aber es wird ein extrem langer Prozess. Denn wie Sie richtig sagen, die anderen Standorte schlafen ebenfalls nicht.

Berliner Morgenpost: Die Politik will eine stärkere Rolle des Staates in der Wirtschaft: sozialer Wohnungsbau, Rückkauf von Anteilen an den Wasserbetrieben, ein Energieversorger im Besitz des Landes. Kann die landeseigene IBB solche Wünsche finanzieren?

Ulrich Kissing: Rekommunalisierung ist ein politisches Thema. Dem muss ein konkreter und nachvollziehbarer Business-Plan im Interesse der Bürger zugrunde liegen. Als IBB stehen wir gern mit Rat und Tat zur Seite. Letztlich geht es hierbei aber um eine politische Abwägung, bei der auch immer die Implikationen für die private Wirtschaft, die wir ja deutlich stärken wollen, mit berücksichtigt werden müssen.

Berliner Morgenpost: Und wie ist es bei Wohnungen? Viele in der Stadt klagen über steigende Mieten. Nun wird über Anschlussfinanzierung und neuen sozialen Wohnungsbau gestritten.

Ulrich Kissing: In Berlin gibt es bei den Mieten eine größere Dynamik. Aber wir kommen von einem extrem niedrigen Preisniveau. Das gilt immer noch für die meisten Bestandsmieten. Anders sieht es bei Neuvermietungen aus, wo die Tendenz deutlich nach oben zeigt. Daran zeigt sich auch: Berlin ist begehrt. Jahr für Jahr kommen 10 000 neue Menschen in die Stadt. Trotzdem ist das Niveau, auch bei Neuvermietungen, im Vergleich mit anderen Großstädten immer noch niedrig.

Berliner Morgenpost: Also sind die Sorgen übertrieben?

Ulrich Kissing: Wir sehen eine Spreizung bei den Preisen. Sie haben begehrte Lagen in Mitte oder Pankow, wo die Mieten deutlich steigen. In anderen Bezirken am Stadtrand gibt es dafür gegenläufige Tendenzen. Das ist keine Entwicklung, die wir grundsätzlich verteufeln sollten. Historisch ist es nun einmal so: Berlin ist an ein niedriges Mietniveau gewöhnt.

Berliner Morgenpost: Dann muss nichts geschehen? Die Klagen über steigende Mieten kommen ja aus allen Schichten, auch von Normalverdienern.

Ulrich Kissing: Mittelfristig brauchen wir wieder einen deutlich zunehmenden Neubau, denn bei 16 000 neuen Haushalten pro Jahr und circa 3000 neuen Wohnungen wird der bestehende Leerstand weiter deutlich abschmelzen. Und wir haben ein Problem mit der auslaufenden Anschlussförderung des öffentlichen Wohnungsbaus mit Konsequenzen für Bestandsmieter. Einige Eigentümer gehen verantwortlich damit um, andere fahren eine harte Gangart, was zu Unruhe führt.

Berliner Morgenpost: Was kann man tun?

Ulrich Kissing: Ich bin kein Jurist und weiß nicht, welche gesetzliche Handhabe es in den einzelnen Fällen gibt. Um diese Entwicklung abzufedern, bieten wir Programme wie Mietausgleich und Umzugskostenhilfe an. Zudem ist die Politik gefordert, mit den relevanten Akteuren der Wohnungswirtschaft inklusive der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Wir als IBB sind dann gerne bereit, unseren Beitrag zu leisten.

Berliner Morgenpost: Zum Thema Neubau: Wer soll in bezahlbaren Wohnraum investieren?

Ulrich Kissing: Damit sich Wohnungsneubau lohnt, braucht ein Investor eine Kaltmiete zwischen acht und zwölf Euro je Quadratmeter. Solche Preise sind längst nicht überall in Berlin zu erreichen. Wenn es Ziel ist, auch in Zukunft in der Breite Mietraum zu deutlich günstigeren Mieten neu anzubieten, wird dies nicht ohne zusätzliche staatliche Unterstützung gehen.

Berliner Morgenpost: Also muss der Staat einspringen und wieder Sozialwohnungen bauen?

Ulrich Kissing: Das wäre eine mögliche Konsequenz. Aber grundsätzlich gilt: Mittelfristig muss man sich in Berlin eingestehen, dass ein höherer Anteil des Einkommens als bisher für die Miete aufgewendet werden muss, so wie in anderen Metropolen auch. Wichtig ist, dass gleichzeitig mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze entstehen.