Verbraucherschutz

Kassenwechsel mit Risiko

Seit Anfang des Jahres ist es für viele Arbeitnehmer deutlich einfacher, in die private Krankenversicherung zu wechseln. Doch dieser Schritt sollte wohlüberlegt sein, denn die Entscheidung für eine private Krankenvollversicherung ist meist eine fürs Leben. Zwar beschert sie dem Versicherten einige Annehmlichkeiten, doch auf lange Sicht sind diese sehr teuer erkauft.

Gerade wenn es um Zusatzleistungen wie die Chefarztbehandlung und Einbettzimmer im Krankenhaus, Heilpraktikerbehandlungen oder Zahnersatz geht, sind viele Patienten langfristig mit privaten Zusatzversicherungen besser bedient - selbst wenn sie zusätzlich den Höchstbetrag für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahlen müssen.

Mit der letzten Erhöhung der Krankenkassenbeiträge zum 1. Januar war für viele gesetzlich Versicherte das Maß voll. Auf 15,5 Prozent ist der Beitragssatz gestiegen, von denen Arbeitnehmer 8,2 Prozent selbst tragen müssen. Das kann mitunter teuer werden, denn auch wenn der Höchstsatz für die GKV auf 304 Euro Arbeitnehmerbeitrag (plus 271 Euro Arbeitgeberanteil) festgesetzt ist, ist dies deutlich mehr als bei vielen privaten Krankenversicherungen (PKV) für ein deutlich besseres Leistungsspektrum fällig würde. Eine gute Privatpolice ist nach Ansicht von Verbraucherschützern für etwa 200 Euro Eigenanteil zu bekommen. Fast neun Millionen Menschen sind in Deutschland Mitglied in der PKV - Tendenz steigend.

Weg zurück versperrt

Ein Jahr lang (statt bisher drei) müssen mindestens 4125 Euro monatlich auf dem Gehaltszettel stehen, um den Wechsel möglich zu machen. Doch der Bund der Versicherten (BdV) warnt: "Diese knapp 50 000 Euro Jahreseinkommen sind keine realistische Größe, um über die Jahre hinweg die Beiträge für die PKV stemmen zu können", sagt BdV-Referent Hajo Köster. Denn dass die anfänglich vielleicht günstigeren Prämien für eine Krankenvollversicherung über die Jahre erheblich steigen, daran lassen Experten keinen Zweifel.

Wer beispielsweise mit Mitte Dreißig in die PKV einsteige, müsse damit rechnen, als Rentner das Dreifache des ursprünglichen Beitragssatzes für seine Krankenversicherung zu bezahlen, rechnet die Stiftung Warentest vor. Und dann ist der Weg zurück in die GKV versperrt. Wer älter ist als 55 Jahre oder über der Bemessungsgrenze verdient, kann nicht einfach aus der privaten Krankenversicherung aussteigen, weil die Beiträge zu teuer werden.

Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf die Kosten zu Versicherungsbeginn zu schauen, sondern auf die Beitragsentwicklung. Ein Blick in die sogenannte Beitragshistorie eines Anbieters kann überaus erhellend sein, denn an ihr wird deutlich wie schnell und um wie viel die Beiträge in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Dafür gibt es eine spezielle Software, die einen Vergleich ermöglicht oder Beratungsgespräche bei unabhängigen Stellen.

"Wenn man da einen längeren Zeitraum zugrunde legt, dann ist das aussagekräftig für die eigene Versicherung", sagt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Um einen möglichst beitragsstabilen Versicherungsschutz zu finden, sollten Wechselwillige auch danach schauen, dass der Anbieter nicht allzu viele Tarife auf dem Markt hat. "Wenn Tarife geschlossen werden, kommen keine jungen Leute nach", erläutert Weidenbach. "Damit steigt das Versicherungsrisiko, und die Beiträge steigen."

Ganz ohne "Beitragsanpassungen", wie die Steigerungen in der Versicherungsprosa heißen, geht es bei keiner Versicherung. Durch höhere Krankheitskosten und teurere Behandlungsmethoden, sind die Prämien für die PKV in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Eine durchschnittliche Erhöhung um fünf Prozent pro Jahr sei "eher konservativ" gerechnet, sagt BdV-Berater Köster. Im vergangenen Jahr traf es manchen Versicherten besonders hart. "Steigerungen von 15 bis 20 Prozent waren keine Seltenheit", berichtet der Experte. Der Durchschnitt lag bei sieben Prozent. Wer dazu noch Ehegatten oder Kinder zusätzlich versichern muss, weil es in der PKV keine kostenfreie Familienversicherung gibt, erreicht schnell Beitragsgrößen, die auch bei einem guten Einkommen über die Schmerzgrenze gehen.

Warnung vor Billigtarifen

Nicht blenden lassen sollten sich Einsteiger von allzu günstigen Angeboten, die im Internet meist augenfällig platziert sind. Von ihnen raten Verbraucherschützer ab: Die Leistungen seien abgespeckt, der Selbstbehalt hoch. "Leistungsfähige Policen sind nicht zum Billigtarif zu haben", macht BdV-Berater Köster deutlich. "Bei 59 Euro monatlich hat das mit Versicherungsschutz nicht mehr viel zu tun."

Steigt ein Versicherter jedoch bei einem Tarif mit guten Leistungen bei etwa 250 Euro ein, dann zahlt er bei einer jährlichen Steigerung von fünf Prozent nach 15 Jahren bereits den doppelten Beitrag. Nach weiteren 15 Jahren hat sich der Beitrag dann noch einmal verdoppelt. "Da bleibt dann oft nur die Möglichkeit die Leistungen abzuspecken oder den Tarif innerhalb des Anbieters zu wechseln", sagt Versicherungsexpertin Weidenbach. Dieser Wechsel muss kostenfrei möglich sein, hat der Bundesgerichtshof entschieden. "Der Basistarif der PKV bietet allerdings keine besseren Leistungen als die Gesetzliche", sagt die Verbraucherschützerin.

Dass die Vollversicherung nicht für alle eine Alternative ist, zeigen die stetig wachsenden Zahlen von privaten Zusatzversicherungen. Gut 21 Millionen Verträge hat der PKV-Verband im vergangenen Jahr gezählt. Wer vor allem Wert auf individuelle Behandlung legt und die Kosten für Zuzahlungen, Zahnbehandlungen, Chefarztbehandlungen oder Heilpraktikerleistungen im Zaum halten will, ohne gleich ganz von der GKV zur PKV zu wechseln, liegt mit einer Zusatzversicherung richtig. "Die haben vor allem den Vorteil, dass man sie relativ bequem wieder loswerden kann, wenn es mal finanziell eng wird", sagt Versicherungsexpertin Weidenbach. Ein Rundum-Paket sei dann nicht unbedingt nötig.

Für etwa 25 bis 30 Euro monatlich ist je nach Geschlecht und Eintrittsalter eine leistungsfähige Zahnzusatzpolice zu haben, weitere 35 Euro werden für das Zweibettzimmer und die Chefarztbehandlung fällig, wie die Stiftung Warentest kürzlich ausgerechnet hat. Mit etwa 60 Euro monatlich wäre damit schon ein dicker Posten für den Status als Privatpatient abgedeckt. Auch Heilpraktikerbehandlungen, Brillen oder Krankentagegeld können mit weiteren Policen vereinbart werden, so dass der gesetzlich Versicherte dem Privatpatienten nicht nachsteht - und das zu einem relativ stabilen Beitragssatz.