Milliarden-Auftrag des Pentagon

Boeing hängt Airbus ab

Für Airbus-Chef Tom Enders war die Sache von Anfang an klar. "Major Tom", wie ihn Freunde und Gegner nennen, hatte das beste Flugzeug am Start. Das musste doch auch der Käufer, das Pentagon, so sehen. Enders` Tankflugzeug KC-45 war gegenüber dem Boeing NewGen in allen Belangen überlegen.

Auf einer eigenen Bewertungskarte der Airbus-Mutter EADS lautete das Ergebnis Europa gegen USA denn auch 7:0. Bereits gewonnene Ausschreibungen? Fünf zu Null. Flugstunden? 1180 zu Null. Kontakte zum Auftanken in der Luft? 1600 zu Null. Und so weiter.

Der europäische Flieger, der auf dem Airbus A330 basiert, ist bereits im Einsatz, während NewGen, eine Weiterentwicklung der Boeing 767, nur auf dem Papier existiert. Was in der Luftfahrtbranche keine Kleinigkeit, sondern ein gravierender Unterschied ist. Den Zuschlag für den historischen Auftrag der US-Luftwaffe erhielt dennoch Boeing. Er hat einen Wert von 35 Milliarden Dollar (25 Milliarden Euro)

Enttäuschung in Deutschland

Die Entscheidung hat in Deutschland für Enttäuschung gesorgt. "Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, weil nicht ganz klar ist, ob es tatsächlich ...ein faires Verfahren gegeben hat", sagte Peter Hintze (CDU), Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung. Für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist die Entscheidung gegen die europäische Luftfahrt eine verpasste Gelegenheit, die transatlantische Partnerschaft zu vertiefen. Die Airbus-Mutter EADS hat nun zehn Tage Zeit, gegen das Ergebnis der Ausschreibung Protest einzulegen. Die Bundesregierung will offenbar nicht eingreifen. "Für die Kanzlerin ist derzeit kein Bedarf zu handeln", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Einem Protest gab der US-Vize-Verteidigungsminister William Lynn wenigeChancen.

Am Donnerstag hatte Lynn in Washington die Entscheidung zugunsten des US-Konzerns Boeing bekannt gegeben. "Beide Firmen haben gute Angebote abgeben. Aber das von Boeing war besser" sagte er. Was er meinte, war: billiger. Davon profitiere niemand mehr als der US-Steuerzahler und die Soldaten, sagte Lynn. Boeing soll nun ein NewGen (Neue Generation) genanntes Tankflugzeug bauen. Die ersten 18 Flugzeuge sollen 2017 einsatzbereit sein. Der Auftrag umfasst erst einmal 179 Flugzeuge. Sollten die mehr als 500 der altersschwachen Tankflugzeuge der US-Luftwaffe, die auch schon Boeing gebaut hatte, ersetzt werden, ginge es um insgesamt100 Milliarden Dollar.

Airbus hatte das Tankflugzeug KC-45 auf Basis des A330 ins Rennen geschickt, das schon bei mehreren Streitkräften im Einsatz ist. Im Gegensatz zu dem Boeing-Flugzeug, das nur auf dem Papier existiert, fliegt es also bereits. Im Flugzeugbau gab es zuletzt bei fast allen Neuentwicklungen enorme Verzögerungen, zudem liefen die Kosten aus dem Ruder. Das gilt für den Militärtransporter A400M von Airbus genauso wie für das Langstreckenflugzeug Boeing 787 "Dreamliner" und das größte Verkehrsflugzeug der Welt, den Airbus A380. Boeing-Topmanager Jim Albaugh versprach denn auch, man werde sowohl die Frist als auch das Budget einhalten.

Boeing will mit dem Tankerauftrag im Rücken rund 50 000 Arbeitsplätze in den USA schaffen. Airbus hatte dasselbe versprochen. So spielte in der öffentlichen Debatte in den USA die Frage der Arbeitsplätze genauso eine Rolle wie die Frage, wie amerikanisch die Bieter seien. Boeing rühmte sich damit, ein "rein amerikanisches Flugzeug" zu bauen. EADS nahm den Slogan: "Gebaut in Amerika. Von amerikanischen Arbeitern. Für amerikanische Krieger." Und verkündete, man werde die Flugzeuge in dem von der Ölpest im Golf von Mexiko geschundenen US-Bundesstaat Alabama fertigen.

Langjähriges Hickhack

So löste der Kampf um den Großauftrag auch eine hitzige politische Debatte innerhalb der USA aus. Senator Richard Shelby aus Alabama gab seinem Unmut in einer schriftlichen Erklärung Raum. "Wenn es bei dieser Entscheidung bleibt, bekommen unsere Soldaten nicht die überlegene Ausrüstung, die sie verdienen", schrieb Shelby. Seine Senatskollegin Patty Murray aus Washington nannte hingegen das Ergebnis in der "New York Times" einen "Sieg für die amerikanischen Arbeiter, die amerikanische Luftfahrtindustrie und das amerikanische Militär". Kein Wunder, in ihrem Bundesstaat sollen die Flieger gebaut werden.

Airbus-Chef Enders nahm die Niederlage sportlich. "Wir haben gegen den Platzhirschen verloren. Das ist aller Ehren wert, denn für den wäre eine Niederlage ein Desaster gewesen. Für uns ist es nur eine verlorene Chance." Man habe Boeing zu einem "sehr niedrigen Angebotspreis" gezwungen. Das Pentagon wisse nun um die "hohe Professionalität" von EADS und Airbus. "Das ist keine schlechte Ausgangsbasis für künftige Bieterverfahren in den USA, in denen wir wieder mit überlegenen Produkten antreten können."

Mit der Vergabe des Tankerauftrags könnte nun ein langjähriges Hickhack zu Ende sein. Drei Mal wurde der Auftrag ausgeschrieben. So sah bereits 2003 Boeing wie der sichere Sieger aus. Bis man feststellte, dass die stellvertretende Chefeinkäuferin der US-Luftwaffe nach der Entscheidung mit einem Job bei Boeing belohnt wurde. Sie wanderte für neun Monate ins Gefängnis. Im Februar 2008 erhielt dann das Konsortium EADS/Northrop Grumman den Zuschlag. Boeing reichte jedoch Beschwerde ein, es kam zu einer Neuausschreibung.

Doch auch bei der jüngsten Runde ging nicht alles mit rechten Dingen zu. Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums sandten vertrauliche Unterlagen, die für Boeing bestimmt waren, an EADS - und umgekehrt. Beide Luftfahrtkonzerne hätten also Einblick bekommen können in das Angebot des jeweils anderen. Ob EADS Protest einlegt, ist unklar. Konzernchef Louis Gallois sagte, man werde ein Gespräch mit dem Pentagon am Montag abwarten und "sehen, aus welchen Gründen und zu welchen Bedingungen wir verloren haben". Danach werde man gegebenenfalls über weitere Schritte entscheiden.