Bahngewerkschaft EVG

Warnung vor übermüdeten Lokführern

Als Konsequenz aus dem tödlichen Zugunglück von Hordorf (Sachsen-Anhalt) fordert die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) höhere Sicherheitsstandards beim Einsatz von Lokomotivführern. "Wir brauchen eine elektronische Fahrercard, die die tatsächlichen Arbeitszeiten der Lokführer einwandfrei belegt", sagte EVG-Vorstandsmitglied Reiner Bieck der Berliner Morgenpost.

"Es muss in Zukunft sichergestellt werden, dass die Mitarbeiter nicht länger arbeiten, als gesetzlich vorgeschrieben, und am Ende übermüdet im Führerstand sitzen."

Bei dem Unfall von Hordorf vor knapp drei Wochen waren zwei Züge frontal aufeinander gestoßen. Zehn Menschen starben. Die Ursache des Unglücks ist weiterhin nicht eindeutig geklärt. Die Untersuchungen ergaben allerdings, dass vor allem bei kleineren Güterbahnen zum Teil katastrophale Arbeitsbedingungen herrschen. So belegt etwa eine Studie des Bahnsicherheitsexperten Professor Jochen Trinckauf von der Technischen Universität Dresden, dass Lokführer privater Güterverkehrsunternehmen rote Signale dreimal so häufig überfahren wie ihre Kollegen bei der Deutschen Bahn. Die Untersuchung für das ARD-Magazin Report Mainz kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 30 Prozent der Signalüberfahrungen auf Unkonzentriertheit, Müdigkeit und Schlaf zurückgingen.

"Vor allem in kleinen Unternehmen, in denen es keine Betriebsräte gibt, die die Einsatzpläne kontrollieren, ist das Risiko vergleichsweise hoch, dass Arbeitszeitbestimmung nicht einhalten werden", sagt Bieck. "Wir stellen Übertretungen in nennenswertem Umfang fest." Das Problem sei, sie nachzuweisen. Lokomotiven in Deutschland sind mit Fahrtenschreibern ausgestattet, doch die erfassen nur die Laufzeit der Züge, nicht aber die Arbeitszeit der Beschäftigten. "Daher brauchen wir beweiskräftige Kontrollmöglichkeiten wie die Fahrercard, die in einem elektronischen Tachometer eingelesen wird. Das ist dringend nötig, weil der Wettbewerb zunimmt, und der Druck auf die Kollegen ständig steigt", sagt Bieck.

In Deutschland verfügen nur 6000 Kilometer des 34 000 Kilometer langen Schienennetzes über eine "Linienförmige Zugbeeinflussung". Das heißt, die Züge werden aus den Stellwerken gesteuert und Signale, wie im Fall von Hordorf, können praktisch nicht überfahren werden.

Aussagen von Lokführern zeigen, dass die harte Konkurrenz unter den Güterbahnunternehmen zum Teil haarsträubende Arbeitsbedingungen zur Folge hat. Ein Berliner Lokführer, der seit Jahren für Privatbahnen arbeitet, sagte der Morgenpost: "Die Zustände bei vielen Unternehmen sind katastrophal. Es ist keine Seltenheit, dass Lokführer bis zu 20 Stunden am Stück unterwegs sind." Er selbst hat vor einiger Zeit für eine Güterzugfirma gearbeitet, für die er stundenlang ohne Ablösung gefahren sei. "Ich bin zum Beispiel mit einem Güterzug von Emmerich (Niederrhein) nach Bad Schandau bei Dresden gefahren und war 16 Stunden ununterbrochen unterwegs." Mitunter käme es vor, dass man nach einer solch langen Schicht wenige Stunden in der Lokomotive ruhe und dann die ganze Strecke zurückfahre.

Eigentlich dürfen Lokführer von Güterzügen maximal neun Stunden am Stück arbeiten. Doch das ignorierten die Firmen. Es sei üblich, Fahrunterlagen zu manipulieren. So solle der Anschein erweckt werden, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Fahrzeiten eingehalten würden.