Wachstumsschub erhofft

Umwelttechnik soll Berlin antreiben

Die Welt besser und sauberer zu machen, ist ein hehrer Vorsatz. Einerseits. Auf der anderen Seite lässt sich damit immer mehr Geld verdienen: Mit neuen Antriebsformen für das Auto, Energiegewinnung aus Sonne und Wind oder strom- und CO2-armen Produktionsverfahren.

Unternehmen der grünen Wirtschaft, neudeutsch "Green Economy", haben beste Chancen. In der Hauptstadt sind sie besonders stark vertreten. Fast jeder dritte Arbeitsplatz in der Berliner Industrie hängt daran, insgesamt arbeiten fast 50 000 Menschen in dem Zweig. Das sind 5,1 Prozent aller Beschäftigten, der höchste Wert im Vergleich deutscher Großstädte.

Trumpf für die Aufholjagd

Somit ist das Geschäft mit umwelt- und ressourcenschonenden Produkten und Dienstleistungen eine große Wachstumschance für die Hauptstadt. Seit einigen Jahren bemühen sich Wirtschaftsfachleute, Politiker und Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) darum, den Industriestandort Berlin zu stärken. Ohne die Industrie, diese Einsicht hat sich durchgesetzt, gelingt der noch immer vergleichsweise wirtschaftsschwachen Hauptstadt nicht der Anschluss an das gesamtdeutsche Niveau. Ein Trumpf für die industrielle Aufholjagd ist die sogenannte Green Economy.

Sie ist wesentlicher Bestandteil der Wachstumsinitiative "Berlin 2004 bis 2014". Ein Positionspapier zur Umwelttechnologie in der Stadt hat ein breites Bündnis gestern vorgestellt. Getragen wird es von der IHK, der Handwerkskammer, der Investitionsbank Berlin (IBB), dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), den Unternehmensverbänden Berlin Brandenburg (UVB) und der Senatsverwaltung für Wirtschaft.

"Green Economy bringt Berlin hochqualifizierte Arbeitsplätze in Industrie, Handwerk und Dienstleistungen", sagte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Burkhard Ischler, Präsident des UVB und Chef des Berliner Siemensstandorts, betonte, dass Unternehmen der Hauptstadt branchenübergreifend gut aufgestellt seien. "Das ist auch ein Grund, warum die Berliner Industrie so robust trotz Krise ist", sagte Ischler.

Große Chancen in Tegel

IHK-Präsident Eric Schweitzer verwies auf die Anstrengungen, die noch zu unternehmen sind. Ein wichtiger Punkt für ihn: die Nutzung des Flughafenareals in Tegel nach Schließung des Flughafens 2011. "Tegel bietet wegen der großen Fläche exzellente Möglichkeiten auch für den Ausbau der Green Economy."

Es sind natürlich Absichtserklärungen, und es gibt verschiedene Interessenlagen zwischen den Unternehmensverbänden, dem DGB und dem Senat. Trotzdem ist es mehr als eine Absichtserklärung. Der Berliner Wirtschaft ist es in den vergangenen Jahren gut bekommen, Branchen gezielt zu fördern, beispielsweise die Kultur- und Medienbranche oder die Gesundheitsindustrie.

Wenn es um Umwelttechnik geht, kann Berlin schon Erfolge vorweisen. Ein großer Pluspunkt ist beispielsweise die Forschungslandschaft aus Unis, Hochschulen und Instituten. 25 wissenschaftliche Einrichtungen, die sich mit dem Thema Umwelt beschäftigen, gibt es in der Stadt. Dort werden Fachkräfte ausgebildet und neue Technologien und damit Geschäftsideen ersonnen, etwa im Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie.

Zudem testen Auto- und Energiekonzern in Berlin die Mobilität der Zukunft. Daimler und BMW testen Elektrofahrzeuge. Solarunternehmen wie Solon haben sich längst am Markt etabliert. Andere, wie die Neugründung Sulfurcell, warten mit vielversprechenden Technologien auf.

Solche Firmen sollen noch stärker unterstützt werden, auch mit Mitteln der Förderbank IBB. "Wir unterstützen das beherzt", sagte der neue IBB-Chef Ulrich Kissing. Sulfurcell beispielsweise profitiert von Geld aus einem sogenannten Venture-Capital-Fonds der IBB.

Es ist ein ambitioniertes Unterfangen. Doch Umwelttechnik und Gründergeist können dem Industriestandort Berlin einen entscheidendem Schub verpassen.