Wirtschaftsauskunft

Viele Berliner entkommen Schuldenfalle

Tiefrot leuchtet die Hauptstadt auf der Deutschlandkarte des neuen Creditreform-Schuldenatlas'. 360 000 Menschen sind in Berlin überschuldet. Das entspricht einer Schuldnerquote von 12,16 Prozent aller erwachsenen Bewohner. Nur ein Bundesland, der Stadtstaat Bremen, steht mit 14 Prozent noch schlechter da.

Doch das Zahlenwerk der Wirtschaftsauskunft sendet auch ein ermutigendes Signal: In keinem anderen Bundesland ist die Zahl der Schuldner so stark zurückgegangen wie in der Hauptstadt. Im Vergleich zum vergangenen Jahr sank die Quote um 1,8 Prozentpunkte. Derzeit sind rund 50 000 Menschen weniger überschuldet als vor einem Jahr.

Als überschuldet gilt, wer seine Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit nicht begleichen kann. Die monatlichen Gesamtausgaben sind dauerhaft höher als die Einnahmen, auf Vermögen oder Kredite kann nicht zurückgegriffen werden. Trotz Wirtschaftskrise ist überall in Deutschland die Zahl der überschuldeten Verbraucher 2009 gesunken: um insgesamt 680 000 auf knapp 6,2 Millionen.

Menschen schränken sich ein

Die Experten des Auskunftsunternehmen deuten den Rückgang unter anderem mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen durch Kurzarbeit, sinkenden Lebenshaltungskosten und Konsumverzicht. Dadurch sank die Schuldnerquote im Vorjahresvergleich um rund einen Punkt auf knapp 9,1 Prozent. 2008 hatten noch knapp 6,9 Millionen Privatleute über 18 Jahren weniger eingenommen als sie monatlich ausgeben mussten. "Die Menschen haben in der Krise über ihre Situation nachgedacht und versucht, dem Schuldendilemma zu entkommen", sagte Creditreform-Vorstandsmitglied Helmut Rödl.

Mit der steigenden Arbeitslosigkeit wächst für viele Haushalte in Deutschland in den nächsten Monaten jedoch die Gefahr der Überschuldung. Creditreform geht davon aus, dass 2010 rund 6,5 Millionen Verbraucher ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen können, 300 000 mehr als in diesem Jahr. Damit könnte fast jeder zehnte Bundesbürger über 18 Jahre in die Schuldenfalle geraten.

Die vergleichsweise guten Zahlen für das Jahr 2009 gelten jedoch nicht uneingeschränkt. Auch in den vergangenen Monaten ging die Schuldnerquote nicht in allen Bereichen zurück. So stieg der Anteil der Frauen bei den überschuldeten Privatleuten um 2,4 Punkte auf 34,4 Prozent. Auch die Zahl der jungen Überschuldeten unter 20 Jahre wuchs seit 2004 um 75 000 auf 128 000.

Rödl forderte deshalb eine bessere Aufklärung über den Umgang mit Geld schon in den Schulen und eine verantwortungsbewusstere Kreditvergabe durch die Banken. Zwar hätten inzwischen viele Unternehmen Probleme, überhaupt noch Geld von den Banken zu bekommen, meinte der Experte, "bei Konsumentenkredite hat man aber das Gefühl, das geht immer noch relativ locker über den Tresen."

Obwohl auch Frauen zunehmend sorgloser im Umgang mit Geld sind, bleibt Überschuldung überwiegend Männersache. Das starke Geschlecht stellt zwei Drittel der Schuldner. Außerdem sind die Verbindlichkeiten der Männer durchschnittlich um 5000 Euro höher als die der Frauen.

Der Schuldenatlas offenbart zudem große geografische Unterschiede. Die geringsten Schuldnerquoten weisen Bayern und Baden-Württemberg auf, wo nur rund sieben von 100 Erwachsenen überschuldet sind. Auch Sachen und Thüringen fallen hier positiv aus dem Rahmen. Beim Schlusslicht Bremen ist die Schuldnerquote dagegen mehr als doppelt so hoch wie in Bayern. Im Vergleich von Kreisen und Städten hat Eichstätt in Bayern mit der geringsten Schuldnerquote von knapp vier Prozent. Beim Schlusslicht - der Stadt Wuppertal - sind es 18 Prozent. Weitere Informationen unter www.morgenpost.de/wirtschaft