Sparprogramm

Bayer streicht am Standort Berlin

Wenn Berlin heute Bilanz über die Schering-Übernahme durch Bayer vor fünf Jahren ziehen würde, sie würde bitter ausfallen: Zum Zeitpunkt der Übernahme beschäftigte der Pillenkonzern 5700 Mitarbeiter in der Hauptstadt, heute sind es etwa 5000.

Der Name Schering ist inzwischen aus dem Firmenlogo getilgt, selbst die Berliner Niederlassungen sind nur noch mit dem Bayerkreuz gekennzeichnet. Der eigene Vorstand ist verschwunden, Forschungskapazitäten sind nach Westen abgewandert. Und es sieht ganz so aus, als ob das noch nicht das Ende der Schreckensspirale ist.

Am gestrigen Sonnabend meldete die "Wirtschaftswoche", von dem anstehenden Stellenabbau bei Bayer - 1700 Arbeitsplätze sollen in Deutschland wegfallen - sei Berlin besonders betroffen. An den früheren Schering-Standorten sollen 500 Arbeitsplätze in Gefahr sein - die meisten in Berlin. Der Konzern dementierte halbherzig, wie viele Stellen genau auf welchen Standort entfallen würden, sei noch unklar. Die Gespräche mit Arbeitnehmervertretern liefen noch.

Betriebsrat misstrauisch

Bei denen schrillen trotzdem die Alarmglocken. "Als die Sparpläne im November bekannt gegeben wurden, war uns klar, dass es auch uns treffen würde. Aber so hart, das hatten wir nicht gedacht", sagte der Berliner Betriebsratschef Yüksel Karaaslan. Stimmen die Zahlen, dann leidet die frühere Schering besonders stark. Der gesamte Bayer-Pharmabereich ist mit 700 Stellen betroffen. Leverkusen und Wuppertal sind demnach mit rund 200 Stellen dabei, Ex-Schering hat den Rest zu verdauen. Karaaslan stört besonders der Zeitpunkt. "Wir sind dabei, mehrere neue Produkte auf den Markt zu bringen. Da sorgt man zumindest für Ruhe." Die Streichungen erfolgen wohl in der Verwaltung sowie dem Bereich Marketing und Vertrieb. Letzterer sollte laut Karaaslan beim Neustart von Medikamenten besser mal funktionieren.

Es wird bei Schering Berlin schon der zweite Abbau innerhalb eines Jahres. Im Herbst hat der Standort schon knapp 80 Stellen in Forschung und Entwicklung verloren. Erst war von bis zu 100 die Rede. Durch Verhandlungen habe man die Zahl dann drücken können, so Betriebsrat Karaaslan. Das sei auch bei der neuerlichen Sparrunde das Ziel. Bisher fehle es aber selbst an den einfachsten Informationen. "Das Unternehmen hat noch nicht annähernd beziffern können, wo was wegfallen soll."

Die dunkle Zeit aus Sicht der Berliner hat im vergangenen Jahr begonnen, als der alte Bayer-Vorstandschef Werner Wenning in Ruhestand ging und der Niederländer Marijn Dekkers die Konzerngeschäfte übernahm. Wenning hatte den Berlinern bei der Übernahme 2006 versprochen, Berlin bleibe ein zentraler Konzernbereich, zuerst saß auch der Vorstand der Pharmasparte hier. Über die Jahre wurden dann schon 1000 Arbeitsplätze abgebaut, die ehemalige Schering hatte aber noch einen Teil ihrer Bedeutung.

Dekkers trat dann im Herbst mit dem Ziel an, den als hierarchisch und schwerfällig geltenden Bayer-Konzern zu entstauben. "Es gibt zurzeit zu viele Köche in der Küche, die alle etwas zu sagen haben", sagte Dekkers bei seiner Präsentation im September. Er sprach an dem Abend auch davon, dass er einen erfolgreichen Konzern übernehme und sein Credo "Evolution statt Revolution" heiße, er behutsam vorgehen wolle. Dann tilgte er den Namen Schering. Was gut einen Monat nach Amtsantritt folgte, war ein Sparprogramm, das weltweit 4500 Stellen von gut 100 000 Arbeitsplätzen kosten soll, darunter die 1700 in Deutschland, die 700 im Pharmabereich und die unbestätigten 500 im Schering-Erbe. Mit dem Geld, das dadurch freigesetzt wird, soll in Forschung und Entwicklung investiert werden. Das ist der Bereich, der gerade im Rheinland gestärkt wird. Neue Arbeitsplätze gibt es in Asien, dort will Bayer expandieren.

Mangel an Informationen

Seit der Ankündigung haben die Berliner Betriebsräte versucht, detaillierte Informationen über den Stellenabbau zu bekommen. Ihr Ziel ist es, wie immer in solchen Fällen, die Zahl der wegfallenden Stellen möglichst stark zu drücken oder den Abschied möglichst sozial verträglich zu gestalten. "So drei bis dreieinhalb Prozent der Mitarbeiter scheiden jährlich sowieso über natürliche Fluktuation aus", sagt der Betriebsrat. Bei der kolportierten Zahl werde das nicht ausreichen.

Sowieso ist das Vertrauen in die Ankündigungen der Zentrale geschwunden. Man fühlt sich einfach nicht mehr wahrgenommen. Ein beredtes Beispiel. Als der Holländer Dekkers BayerHealthCare aus Bayer Schering Pharma gemacht hat, sollte ein griffigerer Name gesucht werden, der alle zufriedenstellen sollte. Jetzt ist er offenbar gefunden: "Bayer Pharma" soll der Bereich wohl künftig heißen. Kommt es vollends so, dann drückt sich auch im Namen aus, dass Berlin heute eine mittelgroße Filiale der Leverkusener ist.