Normalverdiener

Studie zur Mittelschicht: Keine Angst vor dem sozialen Abstieg

Die Szenarien für Deutschland sind düster: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, die Mittelschicht schrumpft massenhaft, und es droht dauerhafte Verarmung. Unisono fordern Sozialverbände, Gewerkschaften, Grüne und SPD deshalb eine stärkere Umverteilung - dabei könnte alles halb so wild sein: Eine noch unveröffentlichte Studie mit dem Titel "Mythen über die Mittelschicht", die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für das Roman-Herzog-Institut erstellt hat, kommt zu einem ganz anderen Schluss.

"Die bei vielen Bürgern existierende Angst vor dem Abstieg aus der Mittelschicht ist zumeist unbegründet", sagt Vera Erdmann, eine der Autorinnen.

Als Mittelschicht definieren die IW-Ökonomen alle Haushalte, deren Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent der mittleren Einkommen aller Haushalte beträgt. Dies entsprach 2009 einem Nettoeinkommen zwischen monatlich 860 und 1844 Euro für einen Singlehaushalt.

Die Autoren sehen den "Mythos" von der schrumpfenden Mittelschicht durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt. So zeigen die Daten des Sozioökonomischen Panels, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) regelmäßig erhoben werden und auf die auch die IW-Studie Bezug nimmt, dass der Anteil der niedrigen Einkommen 2009 mit 21,7 Prozent nur um 0,7 Prozentpunkte über dem Niveau von 1993 lag. Und während des gesamten Zeitraums lebte konstant etwa jeder fünfte Bundesbürger von einem niedrigen Einkommen. Die obere Einkommensschicht ist heute mit 16,8 Prozent ebenfalls sehr nah an dem Wert von 1993. Auch hier gab es im Zeitverlauf nur geringfügige Schwankungen.

"Für die verbleibende Mittelschicht bedeutet dies einen auch im internationalen Vergleich beachtlichen Anteil von 60 bis 67 Prozent", heißt es in der Studie. "Eine Zukunftsprognose des Schrumpfens der Mittelschicht ist mit den Fakten also kaum zu belegen." 2009 sei es sogar zu einer gegensätzlichen Entwicklung gekommen. Die Mittelschicht wuchs sogar um 0,6 Prozentpunkte auf 61,5 Prozent. Der Vorstandschef des Roman-Herzog-Instituts, Randolf Rodenstock, warnt davor, die Abstiegsängste der Mittelschicht herbeizureden. Die hiesige Mittelschicht sei nicht nur erstaunlich stabil. "Deutschland ist auch chancengerechter, als häufig wahrgenommen wird."

Unter den Deutschen ist die Ansicht verbreitet, dass der Aufstieg in die Mittelschicht kaum möglich sei. Den IW-Experten zufolge ist jedoch auch dies ein Trugschluss. Zwar räumen sie ein, dass es schwer ist, von unten in die Mitte aufzusteigen, denn nur einem Drittel der Bezieher niedriger Einkommen ist dieser Aufstieg im Zeitraum von 1995 bis 2007 gelungen. Aber auch nur jeder Fünfte rechnet damit, innerhalb eines Jahrzehnts aufzusteigen. "Da die Bundesbürger ihre Aufstiegschancen pessimistisch einschätzen, fordern sie eine stärkere Umverteilung", folgern die Autoren der Studie deshalb. Dies könne zu Fehlanreizen führen, die den Aufstieg durch harte Arbeit, Bildung und Engagement unattraktiver machen.