Stadtplanung

Wie Berlin Wissenschaftler, Kreative und Investoren lockt

Korea, Südafrika, Schweden, USA: Wenn Ijad Madisch (30) seine jungen Mitarbeiter durchzählt, dann entdeckt er Deutsche erst auf den zweiten Blick. Dicht an dicht arbeitet in dem Dachgeschoss in Mitte eine Weltauswahl an Software-Entwicklern an ihren Laptops daran, Madischs Idee eines Facebooks für Forscher nach vorne zu bringen.

Der Geldgeber von Researchnet, der kalifornische Internet-Investor Matt Cohler, hatte dem Gründer geraten, sein Unternehmen entweder in San Francisco oder in Berlin anzusiedeln. Madisch, ein deutscher Arzt und Informatiker mit syrischen Wurzeln, wechselte von Boston nach Berlin, und seine amerikanischen Kollegen kamen mit. Sie gehören zu den jährlich 50 000 Ausländern, die neu in die Stadt ziehen.

"Hier wird Englisch auf der Straße gesprochen", nennt Madisch ein wichtiges Argument, sich für Berlin als Wohn- und Arbeitsort zu entscheiden. Miguel Hernández, Software-Experte aus Barcelona, nennt einen weiteren Grund für die Anziehungskraft der Stadt auf junge Menschen: Berlin sei nicht nur hip und kulturell interessant. "In Berlin kann ich mir vorstellen, Kinder zu haben und sie hier großzuziehen", sagt der Mann aus Barcelona. In anderen Metropolen sei das viel schwieriger.

Kreative und Künstler waren die ersten, die Berlin als Lebensort für sich entdeckten. Fran Healy, britischer Rockstar, der mit seiner Band Travis mehr als zehn Millionen Alben verkaufte, besitzt ein Haus in London und ein Apartment in New York. Am wohlsten fühlt er sich mit Frau und Tochter jedoch in der Altbauwohnung im Prenzlauer Berg. "Freier als hier kann man kaum leben", sagte Healy. Künstler aus aller Welt arbeiten hier, darunter sind Stars der internationalen Szene wie der Isländer Olafur Eliasson oder die Schottin Susan Philipsz, die für ihre Klanginstallationen gerade den Turner-Preis, den bedeutendsten britischen Kunstpreis, gewonnen hat.

Was für Musiker und Künstler schon seit einigen Jahren gilt, hat sich in jüngerer Zeit auf andere Sektoren erweitert. Inzwischen zieht Berlin auch die Wissenschaftselite aus anderen Ländern an. Wenn das Max-Delbrück-Zentrum in Berlin-Buch, eines der führenden Institute in der Molekularmedizin, Doktorandenstellen ausschreibt, bewerben sich 700 Jungwissenschaftler, die Hälfte davon aus China. Insgesamt hat jeder Vierte der 1200 Forscher bei Max Delbrück keinen deutschen Pass, die Ausländer stammen aus 58 Ländern. Das Delbrück-Zentrum hat gerade den renommierten 74 Jahre alten deutschen Immunologen Professor Klaus Rajewski nach zehn Jahren in Harvard mitsamt seinen Forschungsmillionen nach Deutschland zurückgeholt. "Glücklicherweise werden Mitarbeiter von Boston nach Berlin mitkommen, sonst könnte ich den Wechsel nicht machen", sagte Rajewski.

Elf Spitzenforscher werden im Jahr 2011 als Fellows der vom Senat finanzierten Einsteinstiftung nach Berlin kommen und hier Arbeitsgruppen aufbauen. Darunter sind der Soziologe Craig Calhoun von der New York University und der Germanist Thomas Levin aus Princeton.

Als Treffpunkt hat die Stadt schon heute eine herausragende Stellung. Mit dem ICC ist die Stadt Weltmarktführer bei großen Kongressen. Auch 2011 sind wieder mehrere Ärzte-Tagungen mit bis zu 8500 Teilnehmern geplant.

Die Messegesellschaft verzeichnete im Rekordjahr 2010 etwa 150 000 auswärtige Besucher zu Kongressen, die meisten davon aus dem Ausland. Zur Grünen Woche im Januar werden erstmals Aussteller aus Ruanda und Afghanistan erwartet. Thomas Haagensen, Deutschland-Chef der Fluglinie Easyjet, ist voll des Lobes: "Als Standort für Kongresse, Messen und Events setzt Berlin Maßstäbe", sagte der Airline-Manager.

Der Einfluss der Menschen aus dem Ausland prägt inzwischen ganze Stadtquartiere. So lassen sich Künstler und Musiker gerne in Vierteln nieder, die alteingesessene Berliner eher als Problemkieze wahrnehmen. "Ausländer haben als Immobilienkäufer den Trend Kreuzkölln viel eher entdeckt als die Deutschen", sagte Jürgen Michael Schick, Vizepräsident des Maklerverbandes IVD. Jeder vierte Immobilieninvestor in Berlin komme aus dem Ausland, vor allem aus Skandinavien, Österreich, Spanien, Israel, Großbritannien und den USA. "Berlin ist eindeutig Investors Darling", sagte Schick.