Interview

Warum die Hauptstadt mehr Großveranstaltungen braucht

Wenn einer weiß, wie es um den Fremdenverkehr in Berlin bestellt ist, dann ist das Willy Weiland. Der 63-Jährige war bis 2010 für 19 Jahre Chef des Interconti Berlin. Er hat Stars, gekrönte Häupter und Staatschefs beherbergt und jahrelang den Bundespresseball ausgerichtet.

Zudem ist er Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes in der Hauptstadt. Bei seinem Abschied hatte ihn den Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gerühmt: "Willy Wieland, du bist der perfekte Gastgeber für diese Stadt." Im Gespräch mit den Morgenpost-Redakteuren Christine Richter und Hans Evert erklärt Weiland, warum er das Potenzial Berlins noch längst nicht für ausgereizt hält und welche Pläne er für sein eigenes Leben hat.

Berliner Morgenpost: Herr Weiland, im Frühjahr haben Sie sich von der Spitze des Hotels Intercontinental Berlin zurückgezogen, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Seit Januar sind Sie nun Vorstand des Klinikbetreibers Medical Park AG. Hatten Sie Angst vor Untätigkeit?

Willy Weiland: Nein, ganz gewiss nicht. Aber das Angebot passt in meine Lebensplanung - und ich versuche, das Versprechen gegenüber meiner Familie zu halten. Bislang klappt es ganz gut.

Berliner Morgenpost: Wie kam es denn zu dem Wechsel?

Willy Weiland: Durch ein interessantes Angebot aus dem Hause Ernst Freiberger (Eigentümer von Medical Park AG, die Red.), die mit hohen Qualitätsanspruch ihre Kliniken erfolgreich betreiben. Ich habe das Thema Gesundheitstourismus schon als Hotelier naturgemäß im Focus gehabt und mich immer wieder darüber mit Entscheidungsträgern ausgetauscht. In vielen Kliniken kommen Sie rein und denken, "Oh, hier werde ich krank." Mehr Gastlichkeit und Service-Qualität stünde vielen Häusern gut zu Gesicht und die Erfahrung bringe ich mit.

Berliner Morgenpost: Aber Gesundheitswirtschaft? Das hat doch wirklich nicht viel mit Ihrer bisherigen Arbeit als Interconti-Chef zu tun.

Willy Weiland: Das stimmt so nicht - sicherlich ist medizinische Versorgung keine Hotelier-Disziplin, aber die Gastgeberrolle allemal. Berlin hat hervorragende Kliniken, neben dem Medical Park Berlin Humboldtmühle, dem Herzzentrum, der Charité mit ihrem internationalen Ruf, um nur einige zu nennen, ein großartiges Angebot und Kompetenz der Stadt. Das Segment Gesundheitstourismus ist ohne Frage ausbaufähig.

Berliner Morgenpost: Sie wollen also Krankenhäusern eine Hotel-Anmutung geben?

Willy Weiland: Natürlich nur, soweit es sinnvoll ist. Es geht um die Verbindung von medizinischer Kompetenz und gastlichen Dienstleistungen. Aber abseits meiner neuen Tätigkeit: Ich bleibe ja Präsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes in Berlin. Die Entwicklung des Tourismus in der Hauptstadt wird mich weiterhin beschäftigen.

Berliner Morgenpost: Die Gästezahlen in der Hauptstadt steigen von Jahr zu Jahr. Im vergangenen Jahr haben mehr als 20 Millionen Gäste in Berlin übernachtet. Lässt sich da noch viel mehr machen?

Willy Weiland: Ich denke, dass Berlin noch sehr viel Potenzial hat. Immerhin benötigen wir in fünf Jahren geschätzte 30 Millionen Übernachtungen. Die Stadt entwickelt sich ständig, ist immer noch unfertig. Das übt eine große Anziehungskraft aus. Allerdings dürfen wir uns in Berlin nicht auf den Erfolgen der vergangenen Jahre ausruhen. Wir müssen eine Strategie verfolgen, die den Tourismus auf eine noch breitere Plattform stellt. Das bedeutet, die Kompetenzen der Stadt und das Thema Hauptstadt besser zu nutzen.

Berliner Morgenpost: Was genau schwebt Ihnen denn da vor?

Willy Weiland: Berlin braucht wiederkehrende starke Ereignisse vom Sport über Kultur, Mode, Messen bis zu mehr großen Kongressen. In den vergangenen Jahren profitierte die Stadt von großen Events wie der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im Jahr 2009. Das hat dem Image der Stadt enorm genützt und allen am Tourismus Beteiligten einen Schub gebracht. Doch solche Großveranstaltungen kommen nicht so schnell wieder. Um die Hotel-Kapazitäten zu füllen, brauchen wir weiterhin steigende Übernachtungszahlen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Gesundheitskongress World Health Summit. Wenn wir eine Reihe solch weltweit beachteter Kongresse in die Stadt bringen, dann nützt das unserem Image, den Hotels, der Wirtschaft insgesamt. Ich denke dabei an Davos, wo jährlich ein Weltwirtschaftsgipfel stattfindet. So etwas muss man auch für Berlin entwickeln - zum Beispiel in der Gesundheitswirtschaft. Es geht um eine neue Qualitätsstufe des Berlin-Tourismus.

Berliner Morgenpost: Also weniger Besucher, die mit dem Billigflieger kommen, dafür mehr gut betuchte Leute, die zu Kongressen kommen?

Willy Weiland: Verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist überhaupt kein Widerspruch. Die Tagestouristen sind uns weiter willkommen und wichtig, aber es geht um eine Weiterentwicklung..

Berliner Morgenpost: Doch die Rahmenbedingungen verschlechtern sich, beispielsweise durch die Luftverkehrsabgabe. Zudem wird in der Stadt über eine Bettensteuer, die City-Tax, diskutiert. Das dürfte Reisende eher abschrecken. Können wir überhaupt das Niveau von 2010 halten?

Willy Weiland: Es dürfte schwierig werden, in diesem Jahr die vergangenen hohen Wachstumsraten zu erreichen. Eine Bettensteuer wird sich nicht auf die Gäste umlegen lassen und stellt eine weiter hohe Belastung für die Hoteliers der Stadt dar. Schon jetzt steigen die Kosten für Nahrungsmittel und Energie. Gleichzeitig gibt es einen harten Preiskampf, da immer noch neue Häuser in der Stadt öffnen und die Bettenzahl wächst. Wir als Dehoga Berlin sind aus diesen Grund gegen die Bettensteuer.

Berliner Morgenpost: Stichwort neue Hotels: In Sichtweite des Interconti wird das Waldorf Astoria gebaut. Ist für weitere Hotels überhaupt noch Platz in der Stadt?

Willy Weiland: Das entscheiden Investoren und regelt der Markt. Das Waldorf Astoria wertet die City West noch einmal richtig auf. Das erhöht insgesamt die Attraktivität der Stadt. Sieht man die Hotel-Branche insgesamt, so ist die Auslastung für die meisten Hoteliers noch akzeptabel, obgleich wir noch leicht unter dem Niveau von 2008 liegen.

Berliner Morgenpost: Sie fürchten also keine Pleitewelle unter Hotelbetreibern der Stadt?

Willy Weiland: Nein. Berlin ist gerade angesagt und hat noch viel zu bieten.

Berliner Morgenpost: Sie wollen ja unter anderem mehr Kongresse. Aber schadet da nicht das Hick-Hack um die Sanierung des ICC und die Diskussion um den neuen Flughafen?

Willy Weiland: Die Sanierung des ICC ist ja nun Gott sei Dank beschlossene Sache. Ich begrüße auch die Entscheidung, das Haus während der Bauarbeiten zu schließen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Sanierung bei laufendem Betrieb kann man Gästen eigentlich kaum zumuten. Zum BBI kann ich nur sagen: Es muss alles dafür getan werden, dass es eben kein Regionalflughafen wird. Aber das sieht ja ganz gut aus. Es muss und wird jede Menge neue Verbindungen in die ganze Welt geben.

Berliner Morgenpost: In welchen Regionen der Welt ist denn Ihrer Meinung nach für den Berlin-Tourismus noch besonders viel zu holen? Bislang kommen ja vor allem Deutsche, Westeuropäer und Amerikaner.

Willy Weiland: In Asien, Osteuropa sowie dem Mittleren und Nahen Osten gibt es viel Potenzial für die Stadt. Ich bin da ganz optimistisch.