IHK-Broschüre

Tollkühne Prognosen, harter Absturz und Comeback

Schade, dass diese Prognosen nicht Wirklichkeit wurden. Es wäre so schön gewesen. Jahr für Jahr ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich drei Prozent, Drehscheibe nach Osteuropa, nach der Teilung durch die Mauer zurück zu alter wirtschaftlicher Potenz. Solch ein Bild von der Zukunft entwarf man für die Hauptstadt zu Beginn der 90er-Jahre.

Es waren keine Spinner oder Politiker im Fieberwahn. Kommissionen und anerkannte Experten sahen die Wirtschaftsmetrople Berlin erblühen. Doch davon ist die Hauptstadt weit entfernt.

Welch schwierigen Weg die Wirtschaft Berlins seit der Wiedervereinigung beschritten hat, zeigt jetzt die Broschüre der Industrie- und Handelskammer (IHK), "1990-2010 - Deutsche Einheit in Berlin". Blickt man auf diese Zeit zurück, fragt man sich unwillkürlich, warum seinerzeit solch übertrieben optimistische Prognosen gewagt wurden. "Im Osten gab es keine wettbewerbsfähige Wirtschaft, und der Westen war von Subventionen abhängig", sagte IHK-Präsident Eric Schweitzer. Zudem seien Fehler gemacht worden. "Die abrupte Kürzung der Berlin-Förderung war falsch", sagte Schweitzer. Ein stufenweiser Abbau über mehrere Jahre wäre besser gewesen. "Und man hat sich zu lange dem Gedanken verschrieben, eine Dienstleistungsmetropole sein zu wollen."

Erst seit 2009 ist die Entwicklung der Industrie Chefsache der Politik. Es gibt einen Masterplan Industrie. Wie von Beteiligten zu hören ist, nimmt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das Thema ernst. Die Vision für die Berliner Wirtschaft der Zukunft sieht ungefähr so aus: Vernetzt mit den vielen Forschungseinrichtungen der Stadt, entwickeln sich hier die Industrie-Champions der Zukunft.

Dass der Absturz seit Mitte der 90er-Jahre unmittelbar mit dem Niedergang der Industrie in Berlin zu tun hat, zeigt die Broschüre. Unmittelbar nach der Einheit wurden in der Stadt noch mehr als 300 000 Arbeitsplätze im Fertigungsgewerbe gezählt. Derzeit sind es noch knapp 100 000. Zwischen 1994 und 2004 wuchs Berlin stets schwächer als Deutschland insgesamt. Ganz konkret bedeutet dies: Städte wie München und Hamburg, die schon vor 20 Jahren weit vor Berlin rangierten, sind weiter enteilt. Dafür erklomm Berlin den Spitzenplatz in einer äußerst unattraktiven Rangliste: In keinem anderen Bundesland ist die Arbeitslosigkeit höher als in der Hauptstadt. Aktuell liegt die Quote bei 13,2 Prozent.

"Wir stehen immer noch schlechter da als Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt", sagte Schweitzer. Allerdings gibt es Hoffnung, das machte auch Schweitzer deutlich. Seit 2005 hat Berlin den Anschluss geschafft und zählt mit zu den wachstumsstärksten Bundesländern. Der Regierungsumzug brachte Impulse, der Tourismus floriert. IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder verwies auf erfolgreiche Standortförderung wie den Technologiepark Adlershof. "Wenn man für Berlin das Bild der Einheitswerkstatt bemüht, dann haben wir jetzt die Werkstatt ausgefegt und die gutes Werkzeug bereitgelegt", sagte Eder. Aber die Produkte müssten noch besser werden.

Für die nächsten 20 Jahre wünschen sich Schweitzer und Eder eine Kultur der Selbstständigkeit, ein klares wirtschaftspolitisches Leitbild für die Stadt und - politisch heikel - eine weitere Privatisierung öffentlicher Unternehmen. "2030 hat Berlin zu den wirtschaftsstärksten Regionen aufgeholt und die Arbeitslosigkeit halbiert", sagte Schweitzer. Es ist ein Traum, betont er mehrmals. Zu schlecht sind die Erfahrungen mit vorschnellen Prognosen.