Bahn auf Paradestrecke ausgebremst

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- Im kommenden Jahr rücken Berlin und Hamburg ein ganzes Stück auseinander - zumindest für Bahnfahrer. Zwischen März und Juni wird die ICE-Strecke komplett gesperrt, weil schadhafte Betonschwellen ausgetauscht werden müssen. Erneut hat die Deutsche Bahn Ärger mit der Paradestrecke.

Zwei große Baurunden gab es seit der Wiedervereinigung schon, nun rollen die Bagger erneut an. Die Umleitung ist zeitaufwendig - das kostet Fahrgäste. Und zu allem Übel sagen Experten, dass der ganze Ärger nicht nötig gewesen wäre. Die Schwellen der Firma Rethwisch aus Möllenhagen in Mecklenburg waren bereits zu DDR-Zeiten verlegt worden. "Die machten schon vor der Wende Ärger. Die Zement-Kies-Mischung der Dinger stimmte nicht. Es gab immer wieder Chargen mit Schwellen, die einfach zerbröselten", erinnert sich ein Bahner.

Dennoch hat die Bahn bei der Sanierung der Strecke Berlin-Hamburg erneut Rethwisch-Schwellen verbaut. "Auch wenn es in der Vergangenheit Probleme mit Schwellen dieser Firma gegeben hatte, mussten wir davon ausgehen, dass wir für die Strecke Berlin-Hamburg einwandfreies Material einkaufen", sagt ein Konzernsprecher.

Sparen habe man wollen, und schnell musste es gehen, sagen Bahner und beteiligte Ingenieure, die 2003 dabei waren, als die mangelhaften Schwellen entdeckt worden waren und die Entscheidung fiel, nicht alles, sondern nur die defekten Betonteile auszutauschen. "Dabei war doch klar, dass weitere Schwellen zerbröseln würden", sagt ein Ingenieur. Ein Bahn-Mitarbeiter ergänzt: "Alle Schwellen hätten in einem Aufwasch raus gemusst."

Keine Frage, die Trasse Berlin-Hamburg war und ist ein Prestigeprojekt. In den ICEs sitzt nicht nur Lieschen Müller, dort tummeln sich Manager, Politiker, Medienleute. Die Eröffnung der Strecke am 12. Dezember 2004 war nach Meinung von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn "der Beginn eines neues Bahnzeitalters". Die wirtschaftlichen Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Die Auslastung der Züge liegt bei 50 Prozent, sonst sind es im Schnitt 46 Prozent im Fernverkehr.

Die Bahn sieht sich dabei - neben den Fahrgästen - vor allem als Geschädigter. "Es ist absurd, anzunehmen, dass wir wissentlich ein schlechtes Produkt kaufen. Schließlich müssen wir mit allen negativen Folgen leben, die sich aus Mängeln ergeben", sagt der Sprecher.

In jedem Fall wird der Schwellenärger für die Bahn teuer. Neben den Baukosten und voraussichtlich zurückgehenden Einnahmen während der Umleitung ist die DB auf den Schadenersatzansprüchen gegen Rethwisch weitgehend sitzen geblieben. Ein kleiner Millionenbetrag wurde ihr zugestanden, eine umfassende Wiedergutmachung dagegen "von oben blockiert", wie ein Bahner sagt. Die unausweichliche Pleite von Rethwisch hätte Arbeitsplätze im strukturschwachen Südmecklenburg gekostet. Die Bahn ist eben ein Staatskonzern, und wenn es opportun scheint, greift die Politik ein.