"Berlin goes Bio"

Händler starten Bio-Kampagne

Vom Birchermüsli bis zur Chili-Schokolade gibt es bei Paulina Jonczynski alles, was man so im Alltag braucht. Das Besondere an ihrem kleinen Geschäft in Pankow: Jeder verkaufte Artikel ist ein Bioprodukt. Damit liegt die Ladenbesitzerin im Trend. Mehr als 90 Prozent aller Deutschen kaufen gelegentlich Nahrungsmittel aus ökologischer Landwirtschaft.

Am kommenden Montag starten 130 Naturkostläden der Hauptstadt die Kampagne "Berlin goes Bio". Bis zum 17. Oktober können Kunden neue Produkte wie Naturkosmetik und alte Bestseller wie Honig ausprobieren. Alle Bio-Neulinge sind eingeladen, sich beraten zu lassen. Zudem werben die Läden auch mit Preisnachlässen.

Die Kampagne soll den Fachhandel stärken und neue Kunden gewinnen. "Wir wollen zeigen, dass die Natur die bessere Alternative ist", sagt Silke Fliess von Logona-Biokosmetik. Ihre und sieben weitere grüne Marken haben die Aktion initiiert, die auf die lange grüne Tradition der Hauptstadt setzt: 1971 machte in Kreuzberg der erste Naturkostladen auf. Die kleinen Geschäfte zeichnen sich durch persönliche und intensive Beratung aus: "Ich weiß, was meine Stammkunden kaufen, und erinnere sie dann, wenn etwa die Schokolade fehlt", sagt Paulina Jonczynski.

Ihre Kunden kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es gibt immer noch die Idealisten, die mit ihrer Einkaufstüte die Welt ein bisschen besser machen wollen. Aber die meisten Verbraucher schätzen den Geschmack der Bioprodukte. Ob ein ungespritzter Apfel besser schmeckt als ein behandelter, ist Ansichtssache. Aber Öko-Wurst ist magerer, und im Fleisch ist weniger Wasser eingelagert. Viele Allergiker sind auf Nahrung angewiesen, die keine Zusatzstoffe enthält. Zudem sind Bioprodukte Ausdruck eines ganzen Lebensstils. Die Bioindustrie nennt ihn Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability). Das steht für einen Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Wer in der "Belegschaft" seine Mittagspause verbringt, ist wahrscheinlich ein Lohasler. Bei Nadine Müller und Georg von den Driesch kommen nur Bioprodukte auf den Tisch. Seit einem Jahr betreiben die beiden ein Restaurant in der Nähe vom Checkpoint Charlie. Sandwiches, Suppen und Salate stehen auf der Speisekarte. "Gerade bei Fleisch und Wurst ist die Nachfrage manchmal größer als das Angebot der Bioproduzenten", sagt Nadine Müller, die ihre Produkte von Großhändlern aus Berlin und Brandenburg bezieht. Laut Fördergemeinschaft ökologischer Landbau werden in Brandenburg rund 135 000 Hektar nach den Kriterien des ökologischen Landbaus bearbeitet. Insgesamt sind 920 Biounternehmen gemeldet.

Für die Kunden sind Bioprodukte weiter teurer als konventionelle Lebensmittel. Noch im vergangenen Jahr mussten Verbraucher laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für vergleichbare Mengen bis zu 40 Prozent mehr zahlen. Schuld sind die höheren Produktionskosten. Die Ernteerträge der Ökobauern sind geringer, die Verarbeitung ist teurer, und da ökologisch erzeugte Nahrungsmittel keine Konservierungsmittel enthalten, werden sie schneller schlecht, was die Transport- und Lagerkosten erhöht.

In den vergangenen Jahren ist die Bioszene aus der wirtschaftlichen Nische herausgekommen. "Die Branche ist ein stabiler Markt", sagt Helmut Hübsch von der GfK. Seit das grüne Geschäft boomt, haben sich auch Ketten mit Bioprodukten etabliert. Basic und Natural sind die bekanntesten und in ganz Deutschland vertreten. Die Biocompany ist ein Berliner Unternehmen mit 14 Filialen. Machte die Kette im vergangenen Jahr noch 38 Mio. Euro Umsatz, hat Geschäftsführer Georg Kaiser in diesem Jahr bereits 45 Mio. Euro einkalkuliert.

Auch die Discounter sind auf den Zug aufgesprungen. Bei Plus zum Beispiel stammen fünf Prozent aller Waren aus ökologischem Anbau, bei Netto sind es 2,5 Prozent. Laut GfK hat "Bio" an den Gesamtausgaben für Lebensmittel bereits einen Anteil von etwa drei Prozent.