Ausbildung

Berlins Wirtschaft sucht Lehrlinge

Bei Biologielaboranten wird es selbst für ein Weltunternehmen wie Bayer Schering ziemlich eng. "Es ist wirklich nicht leicht, dafür Lehrlinge zu finden", sagt eine Sprecherin des Berliner Pharmakonzerns.

Was sollen da erst Handwerksbetriebe und kleine Gewerbetreibende sagen, die einen Lehrling suchen? "So schwierig wie in diesem und dem vergangenen Jahr war es noch nie", sagt Gerd Woweries, Bereichsleiter Ausbildung bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Folge: Kurz vor dem offiziellen Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September sind noch zahlreiche Stellen unbesetzt, darunter so begehrte Berufe wie Fachinformatiker.

Es ist ein bundesweiter Trend, der auch jetzt in der Hauptstadt mit voller Wucht zu spüren ist. Die Zahl der Schulabgänger nimmt ab und damit verringert sich das Reservoir derjenigen, die den Nachwuchs in den Betrieben stellen. Handwerks-Präsident Otto Kentzler stöhnt über derzeit 15 000 unbesetzte Lehrstellen in den Meisterbetrieben. In den Lehrstellenbörsen der Berliner Kammern summiert sich die Zahl freier Lehrstellen gegenwärtig auf rund 1300. Die Zahl dürfte noch weit höher sein, da nicht alle Betriebe ihre freien Stellen dort melden.

Nachhilfe für Lehrlinge

Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge konnten im vergangenen Jahr rund 21 Prozent der Betriebe nicht alle Lehrstellen besetzen. Für die Hauptstadt lag dieser Wert sogar bei 23,8 Prozent. In Berlin betreiben die Unternehmen zudem einen hohen Aufwand, um Schulabgänger fit für einen Ausbildungsplatz zu machen. Fast zwei Drittel der Betriebe organisieren Nachhilfeunterricht für die Lehrlinge.

Es ist erst ein paar Jahre her, da richtete sich das Hauptaugenmerk auch in Berlin auf den Lehrstellenmangel. Innerhalb kurzer Zeit hat sich dieser Trend gedreht. Und längst noch nicht alle Betriebe können damit umgehen. Auch die Firmen müssten zum Teil umdenken, sagt IHK-Mann Woweries. "Das Abitur ist längst nicht für alle Ausbildungsberufe notwendig", sagt er. In der vergangenen Woche rief auch der Personalchef der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger, dazu auf, "ausgetretene Pfade" der Talentgewinnung zu verlassen. Sprich: Es sollte nicht allein auf die Schulnoten geschaut werden. Sein Unternehmen gibt jedes Jahr Problemschülern die Chance, über ein einjähriges Praktikum fit für eine Ausbildung zu werden. In den meisten Fällen klappt das.

"Jetzt läuft der Endspurt am Ausbildungsmarkt. Wir gehen davon aus, dass die meisten Ausbildungsstellen besetzt werden können", sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit (BA). Auch sie ruft die Firmen zu neuen Denken auf. Betriebe sollten auch Jugendlichen mit Startschwierigkeiten eine Chance geben. "Jungen und Mädchen können oft im persönlichen Gespräch überraschen, auch wenn das Zeugnis nicht die besten Noten hat", so Haupt-Koopmann.

Zwar gibt es in Berlin - wie auch bundesweit - immer noch die sogenannte Lehrstellenlücke. Von 15 878 jungen Menschen, die sich in den Arbeitsagenturen seit Anfang des Jahres als Lehrstellen-Suchende registrieren ließen, sind 6217 offiziell unversorgt. Darunter sind auch all jene, die schon in vergangenen Jahren nach einer Lehrstelle suchten. Allerdings relativiert sich diese Zahl bei genauerem hinschauen. Um aus der Statistik getilgt zu werden, muss man eine Meldung bei der Arbeitsagentur machen. Dies tun längst nicht alle. Und ein Sprecher der Arbeitsagentur sagt, dass sich die Zahl der Unversorgten bis zum Herbst weiter verringern wird. Wer dann noch übrig ist, wird zu Nachvermittlungsaktionen von Handwerkskammer und IHK geschickt.

Nachvermittlung hakt

Doch mit diesem Instrument hat die Wirtschaft keine besonders guten Erfahrungen gemacht. "Die Jugendlichen werden von der Arbeitsagentur aufgefordert - doch es kommen immer nur höchstens 40 Prozent", sagt Woweries. Und von denen wiederum würden längst nicht alle auf ein Lehrstellenangebot eingehen. Ein Sprecher der Arbeitsagentur sagt, dass jeder Jugendliche ohne Lehrstelle ein Angebot bekommen würde.

Die Situation dürfte sich in den nächsten Jahren verschärfen. Denn die Schülerzahlen sinken rapide. Vor zehn Jahren verließen noch mehr als 37 000 junge Menschen Berliner Schulen. Aktuell sind es knapp 30 000 - von denen längst nicht alle eine Ausbildung beginnen wollen. Die Zahl der gemeldeten Bewerber für eine Berufsausbildung ging innerhalb nur eines Jahres um mehr als 2000 zurück: von 17 891 im Jahr 2009 auf 15 878 in diesem Jahr. Solche Zahlen erhöhen die Chancen für die Schüler - und machen die Wirtschaft fast schon zu Bittstellern, die um die wenigen Nachwuchskräfte ringen.

Zu Beginn der Ferien bedienten sich beispielsweise IHK und Handwerkskammer eines ungewöhnlichen Mittels. Die Präsidenten Eric Schweitzer und Stephan Schwarz schickten an alle Berliner Schüler der 10. Klasse einen Brief. Er war an die Eltern gerichtet. "Bestärken Sie Ihre Kinder darin, direkt in eine duale Berufsausbildung einzusteigen", stand unter anderem drin. In den nächsten Jahren dürften weitere Briefe folgen.