Soziales Engagement

"Was du gibst, das bekommst du auch wieder zurück"

Gelb, blau und orange leuchten die Handtücher, akkurat aufgerollt im Regal vor der altrosa Wand. Drei blaue Frisierstühle stehen davor, überdacht von einer Riege Trockenhauben, die so altmodisch aussehen, dass sie schon wieder hip sind. In der Mitte des Raumes thront der Waschtisch mit Blick auf bunte Schmetterlingsdekorationen, Blumen und die kleine Wohnstraße vor der Tür.

Vier Arbeitsplätze insgesamt - eigentlich ein bisschen viel dafür, dass Birgit Hoge in ihrem Friseursalon allein arbeitet. Den Platz kann sie trotzdem gut gebrauchen. Denn das "Hair Style" ist weit mehr als nur irgendein Friseurgeschäft - der Nachbarschaftstreff in der Rathausstraße in Tempelhof.

An diesem Vormittag sitzt Frau Schulz vorm Spiegel, die Lieblingsbluse unterm Frisierumhang geschützt. "Dieser Laden ist wie mein Zuhause", sagt die 87-Jährige, die gleich gegenüber wohnt. "Für mich ist Birgit wie eine Freundin: Ich schütte ihr mein Herz aus. Und wenn sie mal Kummer hat, dann versuche ich ihr zu helfen, wo ich kann."

Als die gebürtige Berlinerin Hoge vor zwölf Jahren mit ihrem Laden von Tiergarten nach Tempelhof zog, waren viele alte Menschen unter ihren Kunden. Und da sie ein großes Herz und eine zupackende Natur hat, ergab es sich, dass sie ihren Kundinnen im beschwerlichen Alltag unter die Arme griff. Sie kauft ein und bringt Röcke in die Schneiderei, sie richtet Geburtstagsfeiern aus und sammelt Spenden. Wer nicht mehr sicher auf den Beinen ist, wird von der 49-Jährigen von zu Hause abgeholt. "Dann mache ich erst mal einen Cappuccino und verteile Zeitschriften", sagt sie. "Schließlich werden wir alle mal alt, und der Cappuccino schmeckt in Gesellschaft besser."

Wenn möglich, legt sie Termine so, dass sich die Kunden im Laden kennen lernen. Auch bei den Jüngeren hat sie so schon Glücksfee gespielt - ein junger Mann mit Liebeskummer und eine junge Frau, die Frau Hoge passend fand, saßen plötzlich nebeneinander im Sessel. Heute sind sie ein Paar und wohnen zusammen.

"Ich sage immer: Was du gibst, das bekommst du auch wieder zurück", sagt Hoge. "Mir ging es auch nicht immer gut." Vor einigen Jahren musste sie einen Arbeitsprozess führen. Sie hatte einen Haufen Schulden und außerdem eine verschleppte Lungenentzündung. "Da saß ich hier wie ein Häufchen Elend im Laden, und die Kundinnen haben mir den Rücken gestärkt." Neben der täglichen Nachbarschaftshilfe organisiert Hoge einmal im Jahr mit einer befreundeten Masseurin etwas Größeres. In einem Jahr richteten sie eine Weihnachtsfeier für Alleinstehende und Bedürftige aus. Ein anderes Mal arbeiteten sie vier Wochenenden lang auf Spendenbasis und überwiesen das Geld an die Papageienfarm in Michendorf. Und alles das, auch wenn der Laden in der Rathausstraße nicht gerade Riesengewinne abwirft - viel zu wenig Laufkundschaft, viel zu niedrige Preise.

So viel Sinn fürs Soziale ist im Geschäftsleben dann doch eher selten. Aber nicht nur Birgit Hoge gehört zu den Unternehmern, die ihren gesellschaftlichen Auftrag nicht in der Gewinnmaximierung erschöpft sehen. Gerade die kleinen Firmen in Berlin sind überaus rege, wenn es um soziales Engagement geht. Das zumindest zeigen die Bewerbungen um die Franz-von-Mendelssohn-Medaille, die jedes Jahr bei IHK und Handwerkskammer eingehen. Da spendet der Malermeister Mathies für den Kirchenbasar und die Bäckerei Walf für Baby-Not-Brötchen. Die Goldschmiedin Astrid Stenzel gründet die "Lichterwelt am Winterfeldt" und stellt gratis den "Teddy Award" für internationale Filmfestspiele her.

Der Fleischermeister Jörg Oppen knapst von seiner Zeit gern den einen oder anderen Tag ab, um Kindern oder Jugendlichen seinen Beruf nahe zu bringen. Mit vier Mitarbeitern führt der 46-Jährige in Weißensee die älteste Fleischerei Berlins, gegründet 1779. Ein Familienunternehmen in siebter Generation - das verpflichtet geradezu zu Engagement. Und so ist Oppen nicht nur Lehrlingswart der Fleischerinnung; er nimmt auch so viele Hauptschüler als Praktikanten bei sich auf, wie sein Geschäft eben zulässt.

Besonders viel Spaß macht ihm der Besuch von Schulklassen und Kindergartengruppen: "Wir machen dann Bratwurst", erzählt Oppen. "Da kriegen alle eine Schürze um und eine Mütze auf, und dann wird das Fleisch durchgedreht, Eis gepickelt, beides gekuttert, und am Ende kriegt jeder eine selbstgemachte Bratwurst mit nach Hause, und alle sind selig." Dutzende Fotos von den Kinderbesuchen hängen in seinem Laden.

"Ich betrachte das als Hobby", sagt Oppen. "Irgendwie muss man die jungen Leute doch rankriegen. Die kennen ja nur noch Tiefkühlessen und Tütensuppen. Wenn das so weitergeht, denken die irgendwann, die Bockwurst wächst auf den Bäumen." Für die Sommerferien haben sich schon wieder zwei Klassen bei ihm angemeldet.

AUSZEICHNUNG: Informationen zur Mendelssohn-Medaille und weitere Hinweise zur Bewerbung finden Sie unter: www.morgenpost.de/mendelssohn