Studie

Altersvorsorge überfordert Jugendliche

Junge Menschen in Deutschland sorgen zu wenig für ihr Alter vor. Die meisten unter Ihnen sind zwar bereit, sich um die eigene Zukunftssicherung zu kümmern, doch verstehen sie die komplizierten Regeln für die private Altersvorsorge nicht.

"Rentenreform und Alterssicherung überfordern die Kompetenzen der 17- bis 27-Jährigen", heißt es in einer Studie im Auftrag des Versorgungswerks der Metall- und Elektroindustrie Metallrente.

2500 Jugendliche und junge Erwachsene hat das Sozialforschungsinstitut TNS Infratest zu ihren Einstellungen und Kenntnissen zu finanzieller Vorsorge befragt. Und es ist keine Minderheit, die sich um ihren Lebensstandard im Alter sorgt.

Es ist eine erschütternde Erkenntnis, die in den Ergebnissen der Studie "Jugend, Vorsorge, Finanzen" mitschwingt: Die meisten Jugendlichen wissen um die Notwendigkeit, bereits in frühen Jahren selbst finanziell vorzusorgen. Allerdings ist ihnen nicht klar, wie. Dabei wurde die Alterssicherung schon vor zehn Jahren reformiert, um private Vorsorge zu fördern.

"Das ist dramatisch, denn es wird genau diese Jugendgeneration von heute sein, der der Wind der demografischen Entwicklung ins Gesicht weht", sagte der wissenschaftliche Leiter der Studie, Jugend- und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. Die Reform sei bei ihnen noch gar nicht angekommen. Es sei nicht so, dass sich junge Menschen nicht für finanzielle Vorsorge interessierten, vielmehr lägen die Hürden zu hoch. Eine beunruhigende Entwicklung, weil die junge Generation generell als "leistungsbereit, pragmatisch und zielorientiert" eingeschätzt wird.

Immerhin 55 Prozent sind der Studie zufolge bereit, Sorge für ihr Alter zu tragen, doch ein Großteil von ihnen ist schlicht überfordert. "Die Jugend nimmt die Herausforderung der privaten Vorsorge mental an, jedoch merkt ein großer Teil von ihr: ,Wir werden das nicht packen'", sagte Hurrelmann.

Eine Entwicklung mit drastischen Folgen, denn die jungen Menschen von heute gehören zu der Generation, die von den Reformen der Alterssicherungssysteme voll erfasst werden wird. "Wenn die heute 20-Jährigen ihre Vorsorge für die Rente vernachlässigen, werden wir später erneut das alte Rentenlückenproblem bekommen", sagte Metallrente-Geschäftsführer Heribert Karch. Fast zwei Dritteln der jungen Menschen ist der Studie zufolge klar, dass sie auf die Altersarmut zusteuern, wenn sich nicht privat vorsorgen.

Besonders unter den jungen Frauen sei dafür eine hohe Sensibilität spürbar. Die Aussage "Wenn die Menschen nicht privat vorsorgen, werden immer mehr Leute im Alter arm sein" wurde von fast allen Studienteilnehmern mit "trifft voll und ganz zu" bewertet. Auf den Staat als Lenker der Geschicke verlassen sich die jungen Deutschen in der Rentenfrage nicht mehr. "Das Bewusstsein ist da", sagt Hurrelmann. "Aber die Lösungen sind unbekannt, die Mechanismen unklar."

Die Reform der Altersicherung sei beschlossen worden, ohne dass sich jemand gekümmert habe, wie sie von den Betroffenen aufgenommen werde, kritisierte Thomas Gensicke, der die Befragung für TNS Infratest leitete. "Aber diese Reform ist kein Selbstläufer." Besonders besorgniserregend sei die gesellschaftliche Spaltung, die mit der Unwissenheit und mangelnden Finanzkompetenz der Jugendlichen einhergehe, sagte Gensicke. Deutlich sei, dass die Bereitschaft, Altersvorsorge zu betreiben, bei jungen Menschen mit mittleren und unteren Bildungsabschlüsse abnehme. "Das sind klar die Verlierer, und sie steuern geradewegs auf die Altersarmut zu", sagte Gensicke.

Viele der jungen Erwachsenen in der Befragung betonten, dass sie sich gut in finanziellen Dingen auskennten. Auf die Probe gestellt, kamen allerdings riesige Defizite zutage. Hier müssten auch die Bildungseinrichtungen in die Pflicht genommen werden, sagte Jugendforscher Hurrelmann. Bei der Vermittlung von Wirtschafts- und Finanzprozessen herrsche in den Schulen und Hochschulen häufig noch "Fehlanzeige".

An einen "Pakt der Nachhaltigkeit" appellierte Metallrente-Geschäftsführer Karch. "Die jungen Leute müssen abgeholt werden, die darf man nicht allein lassen", sagte er. "Die junge Generation möchte Hilfe zur Selbsthilfe." Dafür seien alle Beteiligten, Politik und auch Arbeitgeber, gefordert.

Bislang ist Karch zufolge das Vorsorgeverhalten alarmierend: Zu wenige sorgen vor, die Beiträge sind zu niedrig und zu wenig dynamisiert. Außerdem steigen die meisten zu spät ein. "Wenn wir das nicht verändern, züchten wir eine Vorsorge-Illusion", sagte Karch.